Pastoraler Weg im Bistum Mainz eröffnet. Predigt von Bischof Peter Kohlgraf zum Pfingstsonntag 2019

Pastoraler Weg im Bistum Mainz:
Predigt von Bischof Kohlgraf zum Pfingstsonntag 2019

Bischof Kohl­graf hat im Got­tes­dienst zum Pfingst­fest 2019 eine Pre­digt zum Pas­to­ra­len Weg im Bis­tum Mainz (“Eine Kir­che des Tei­lens wer­den”) gehal­ten. Im Fol­gen­den geben wir den Wort­laut der Pre­digt des Main­zer Bischofs wider und laden ein, sich auf die Impul­se des Bischofs ein­zu­las­sen:

Alle waren zusam­men am sel­ben Ort“ so beginnt die Pfingst­ge­schich­te. Eigent­lich läuft alles rund. Jesus ist von den Toten auf­er­stan­den, die­ser Glau­be führt die Jün­ger zusam­men. Sie haben sogar schon begon­nen, die Gemein­de zu orga­ni­sie­ren. Im Kapi­tel vor­her wird von der Wahl des Apos­tels Mat­thi­as erzählt. Das heißt, wir haben eine Gemein­de vor uns, die sich ver­sam­melt, die betet, die ihre Lei­tungs­äm­ter vor­wei­sen kann, und die aus der Erfah­rung lebt, dass Jesus auf­er­stan­den ist. Sie hat einen fes­ten Ort, an dem sie sich trifft, die Grup­pe gibt den Jün­gern Halt und die Erfah­rung einer engen Gemein­schaft im Glau­ben. Es sind weni­ge, aber sie sind immer­hin die Aus­er­wähl­ten, die, wel­che Jesus gefolgt sind und die jetzt in sei­ner Gegen­wart leben. Viel­leicht erzäh­len sie sich immer wie­der von den guten alten Zei­ten, als sie mit Jesus unter­wegs waren. Wel­che groß­ar­ti­gen Gesprä­che führ­ten sie damals, wie groß­ar­tig waren die Wun­der, die Jesus wirk­te, und nun die Auf­er­ste­hung!

Sie ver­har­ren „ein­mü­tig im Gebet“.

Aber wor­um beten sie?
Viel­leicht ist ihr Gebet eine Kon­takt­auf­nah­me mit dem Auf­er­stan­de­nen, es ist ein ruhi­ges Ver­har­ren in sei­ner Gegen­wart. Ob die Grup­pe der Jün­ge­rin­nen und Jün­ger sorg­los in den Tag gelebt hat? Wir wis­sen es nicht, aber wir spü­ren, trotz der geord­ne­ten Abläu­fe, dass eine Initi­al­zün­dung fehlt.
Eine glau­ben­de, beten­de Kir­che, die Jesus in ihrer Mit­te weiß, die ihre Gemein­schaft genießt, die von den guten frü­he­ren Zei­ten redet, die sich orga­ni­siert: Ich erken­ne auch unse­re Kir­che und unse­re Gemein­den dar­in wie­der.

Offen­bar ist das noch nicht die Art von Kir­che, die der Auf­er­stan­de­ne sich vor­stellt. Da kommt plötz­lich die Initi­al­zün­dung: wie ein Brau­sen, ein Feu­er, ein Sturm.
Ich erin­ne­re mich an ein Bild­wort des Paps­tes (LINK):

Jesus klopft von innen an die Türen unse­rer Kir­che, damit wir ihn end­lich her­aus­kom­men las­sen1.

Die­ser Auf­bruch ist nicht orga­ni­siert, son­dern wird in den Jün­ge­rin­nen und Jün­gern vom Geist Got­tes selbst bewirkt. Man hat nicht den Ein­druck, dass den Jün­gern etwas ande­res übrig­bleibt, als sich bewe­gen zu las­sen. Was ihnen wohl durch den Kopf gegan­gen ist, in die­sem Augen­blick? „End­lich bewegt sich etwas?“ oder: „Es war gera­de so schön?“ oder: „Was soll das denn jetzt“? oder „Groß­ar­tig, was wir hier spü­ren!“ oder viel­leicht auch Angst: „Was geschieht mit uns?“. Eines kön­nen wir sicher sagen: Sie spü­ren, dass da etwas Neu­es beginnt, eine neue Form von Gemein­schaft, eine ande­re, grö­ße­re Art von Kir­che als die, die sie machen, pla­nen, orga­ni­sie­ren kön­nen. Es beginnt ein Weg, des­sen Ende nicht abseh­bar ist, aber an des­sen Beginn sie wohl spü­ren, dass sie zu die­sem Weg bewegt wer­den, nicht aus eige­nem Antrieb, son­dern vom Geist Got­tes selbst, der brennt, der stürmt, der bewegt.

Fin­den wir uns in den weni­gen Jün­ge­rin­nen und Jün­gern von damals wie­der?
Wie damals befin­den wir uns am Anfang eines Auf­bruchs aus der Sicher­heit des geschlos­se­nen Rau­mes, der bekann­ten Grup­pe, der Gemüt­lich­keit, die wir uns über die ver­gan­ge­nen Jah­re und Jahr­zehn­te ein­ge­rich­tet haben, schein­bar gute und manch­mal wirk­lich gute Jah­re und Situa­tio­nen. Wir spü­ren viel­leicht weni­ger das Wehen des Geis­tes, als die Not­wen­dig­keit, auf die Zei­chen der Zeit zu reagie­ren. Ein Theo­lo­ge (Marie Domi­ni­que Chenu OP) hat aber die­se „Zei­chen der Zeit“ als eine „Tat­sa­che, die etwas offen­bart“ bezeich­net, als etwas, das uns zwingt, neu zu sehen, Gewohn­tes zu durch­bre­chen. Viel­leicht soll­ten wir die Zeit und ihre Her­aus­for­de­run­gen an die Kir­che in ers­ter Linie nicht als Zeit des Abbruchs, son­dern auch als Zeit des Auf­bruchs, der Neu­ori­en­tie­rung sehen, in die uns der Geist heu­te hin­ein­führt. Sicher haben sich die Gläu­bi­gen damals wie wir heu­te auch Sor­gen gemacht. Eine Opti­on gibt ihnen der Geist jedoch nicht: die Opti­on, hin­ter den Türen sit­zen zu blei­ben und es sich wei­ter bequem zu machen.

Ich den­ke an den Work­sh­op­tag ver­gan­ge­ne Woche zurück. 300 Gläu­bi­ge haben sich dem Auf­bruch gestellt. Ich bin dank­bar für so viel Bereit­schaft zum Auf­bruch, aber auch für den Rea­lis­mus und die berech­tig­ten Fra­gen. Es wer­den vie­le klei­ne Auf­brü­che fol­gen, die wir heu­te noch gar nicht abse­hen kön­nen. Bit­ten wir den Geist, dass er uns vor der Ver­su­chung bewahrt, uns ängst­lich ein­zuigeln in das Gewohn­te allein. Auch vor der Ver­su­chung zu mei­nen, wenn alles gut orga­ni­siert ist, läuft es dann wie­der rund. Der Geist bleibt hof­fent­lich immer für Über­ra­schun­gen gut. Es wird auch Zeit brau­chen zu fra­gen, die Sor­gen zu tei­len und auch zu trau­ern. Auf­bruch, Sturm und Feu­er lösen auch Schmer­zen aus. In den Gesprä­chen nicht nur letz­te Woche war auch dies zu spü­ren. Aber ich mei­ne, dass vie­le Men­schen auch spü­ren:
Eine Kir­che, die nur gut ver­wal­tet, orga­ni­siert und rund läuft, muss zuse­hen, dass sie kei­ne „geist“-lose Kir­che wird.

Auf jede und jeden ließ sich eine Feu­er­zun­ge nie­der.

Die Apos­tel­ge­schich­te über­lie­fert die Erfah­rung einer Gemein­de, in der jeder und jede eine Geis­tes­ga­be ein­brin­gen kann. Alle Getauf­ten sind „Geist­li­che“, nicht nur die sakra­men­tal geweih­ten Dia­ko­ne, Pries­ter und Bischö­fe. Längst hat sich die­ses Bewusst­sein noch nicht durch­ge­setzt. Der Apos­tel Pau­lus sieht das Amt des Lei­ters einer Gemein­de als ein Cha­ris­ma im Zusam­men­spiel mit den ande­ren. Die­ses Bewusst­sein gilt es neu zu ent­wi­ckeln und zu ver­tie­fen. Beim Work­sh­op­tag wur­de die­ser Auf­trag als die größ­te Her­aus­for­de­rung her­aus­ge­stellt: Ver­ant­wor­tung tei­len als Neu­ent­de­ckung eines bibli­schen Gemein­de­ver­ständ­nis­ses. Auch heu­te sind Men­schen der Bewe­gung Maria 2.0 hier, die deut­lich die Anlie­gen zahl­rei­cher Gläu­bi­gen ein­brin­gen mit der For­de­rung, sie ernst zu neh­men und es nicht bei Wor­ten zu belas­sen. Haupt­amt­li­che und Pries­ter fra­gen dane­ben nach ihrer zukünf­ti­gen Rol­le.

Wir wer­den auf dem Pas­to­ra­len Weg auch über Model­le geteil­ter Lei­tung reden und sicher auch Wege fin­den, die für uns pas­sen. Ich kann alle nur bit­ten, sich dem offe­nen Gespräch dar­über zu stel­len und dem Geist etwas zuzu­trau­en und den Bru­der und die Schwes­ter im Glau­ben als Trä­ge­rin oder Trä­ger des Geis­tes zu sehen und zu behan­deln. Viel­leicht ent­de­cken wir längst ver­schüt­te­te Diens­te in den Gemein­den wie­der, die wir in den Pau­lus­brie­fen fin­den: Leh­re­rin­nen und Leh­rer, Pro­phe­tin­nen und Pro­phe­ten, Men­schen, die hei­len kön­nen.
Ein Bild von Kir­che und Gemein­de scheint mir in kei­nem Fall zukunfts­träch­tig zu sein:
Das Bild einer Kir­che, die aus­schließ­lich aus Haupt und Füßen besteht, aus Lei­tung und „Fuß­volk“. Manch­mal ist die Kir­che zu einem Gebil­de mutiert, „das statt aus ver­schie­de­nen Glie­dern prak­tisch nur noch aus zwei­en besteht: aus dem Haupt, von dem alle Lebens­re­gun­gen aus­ge­hen und das Recht und Pflicht hat zu gebie­ten, und aus den Füßen, die dazu da sind, zu die­nen und zu gehor­chen“. Nein, damals wie heu­te lässt sich der Geist auf jede und jeden von ihnen nie­der.

Jeder hör­te sie in sei­ner Spra­che reden.

Natür­lich ist dies ein star­kes Bekennt­nis zu einer Welt­kir­che, die alle Gren­zen über­win­det. Wir dür­fen auf unse­rem Pas­to­ra­len Weg die ver­schie­de­nen Gemein­den und Kirch­or­te zusam­men­den­ken und ins Gespräch brin­gen, die unter­schied­li­chen Spra­chen und Erfah­run­gen. Tat­säch­lich gehö­ren zu unse­rem Bis­tum 25 Pro­zent Gläu­bi­ge ande­rer Mut­ter­spra­che. Ein­an­der in den Blick zu neh­men, zu ver­ste­hen, Gemein­schaft zu bil­den statt zu iso­lie­ren, ist unser Weg aller Gemein­den und Kirch­or­te. Die­ser Satz ist ein star­kes Bekennt­nis zur Fähig­keit des Geis­tes Got­tes, Men­schen zu einem Zeug­nis und einer Spra­che zu befä­hi­gen, die ver­stan­den wer­den und die Men­schen zusam­men­brin­gen, anstatt Mau­ern zu errich­ten. Glau­ben tei­len geht nur, indem wir Leben tei­len.

Nicht erst beim Work­sh­op­tag haben wir ange­fan­gen, dar­über nach­zu­den­ken, was das kon­kret hei­ßen muss. Glau­ben tei­len ist ein Bezie­hungs­ge­sche­hen, kei­ne Ein­bahn­stra­ße, so hieß es in einer Gesprächs­grup­pe. Der Pas­to­ra­le Weg ist erst in zwei­ter Linie ein Struk­tur­pro­zess, das will ich erneut beto­nen. In ers­ter Linie ist er die gemein­sa­me Suche nach guten, auch neu­en Begeg­nungs­for­men mit den vie­len Men­schen unse­rer Zeit.
Es geht um Evan­ge­li­sie­rung, das heißt um das Bemü­hen, die Lebens­welt unse­rer Zeit durch das geleb­te und bezeug­te Evan­ge­li­um zu durch­drin­gen. Zu die­sem Ziel müs­sen die Jün­ger in Jeru­sa­lem den engen Kreis auf­bre­chen und wei­ten. Es geht um Zeug­nis, Bezie­hung, Sen­dung = Mis­si­on. Dafür müs­sen wir die The­men und Fra­gen der Men­schen ken­nen und zu unse­ren machen (vgl. Gau­di­um et Spes 1). Es gibt eine Kari­ka­tur, die zwei Figu­ren neben­ein­an­der zeigt. Die eine sagt: „Jesus ist die Ant­wort“, die ande­re: „Ja, aber was war die Fra­ge?“ So darf kirch­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on nicht aus­se­hen. Die Fra­gen neu zu hören, um Jesus als Ant­wort anbie­ten zu kön­nen, dar­in sehe ich das vor­ran­gi­ge Ziel des Pas­to­ra­len Weges.
Wir dür­fen nicht, auch wenn die The­men zeit­lich par­al­lel lau­fen, das Zwei­te zum Ers­ten machen.

Schließ­lich habe ich eine gro­ße Hoff­nung:
In den letz­ten Mona­ten haben mich immer wie­der Men­schen ange­spro­chen und von „mei­nem“ Pas­to­ra­len Weg gespro­chen, also vom Pas­to­ra­len Weg als dem Weg des Bischofs. Wenn wir es schaf­fen, von „unse­rem“ Pas­to­ra­len Weg zu reden und ihn auch zu unse­rem Her­zens­an­lie­gen zu machen, kann es gelin­gen.
Ich bit­te alle, in Glau­ben und Ver­trau­en die Türen auf­zu­ma­chen und auf­zu­bre­chen. In allem möge uns der Hei­li­ge Geist bewe­gen, moti­vie­ren und lei­ten.

1. aus Ber­go­gli­os Rede zum Vor­kon­kla­ve, Anfang März 2013:
(…) 2. Wenn die Kir­che nicht aus sich selbst her­aus­geht, um das Evan­ge­li­um zu ver­kün­den, kreist sie um sich selbst. Dann wird sie krank (vgl. die gekrümm­te Frau im Evan­ge­li­um). Die Übel, die sich im Lau­fe der Zeit in den kirch­li­chen Insti­tu­tio­nen ent­wi­ckeln, haben ihre Wur­zel in die­ser Selbst­be­zo­gen­heit. Es ist ein Geist des theo­lo­gi­schen Nar­ziss­mus.
In der Offen­ba­rung sagt Jesus, dass er an der Tür steht und anklopft. In dem Bibel­text geht es offen­sicht­lich dar­um, dass er von außen klopft, um her­ein­zu­kom­men … Aber ich den­ke an die Male, wenn Jesus von innen klopft, damit wir ihn her­aus­kom­men las­sen. Die ego­zen­tri­sche Kir­che bean­sprucht Jesus für sich drin­nen und lässt ihn nicht nach außen tre­ten.

3. Die um sich selbst krei­sen­de Kir­che glaubt – ohne dass es ihr bewusst wäre – dass sie eige­nes Licht hat. Sie hört auf, das “Geheim­nis des Lichts” zu sein, und dann gibt sie jenem schreck­li­chen Übel der «geist­li­chen Mon­dä­ni­tät» Raum (nach Wor­ten de Lub­acs das schlimms­te Übel, was der Kir­che pas­sie­ren kann). Die­se (Kir­che) lebt, damit die einen die ande­ren beweih­räu­chern.
Ver­ein­facht gesagt: Es gibt zwei Kir­chen­bil­der: die ver­kün­den­de Kir­che, die aus sich selbst hin­aus­geht, die das “Wort Got­tes ehr­fürch­tig ver­nimmt und getreu ver­kün­det”; und die mon­dä­ne Kir­che, die in sich, von sich und für sich lebt.
Dies muss ein Licht auf die mög­li­chen Ver­än­de­run­gen und Refor­men wer­fen, die not­wen­dig sind für die Ret­tung der See­len.

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