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Papst Franziskus: Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland

Brief von Papst Franziskus
An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland

Papst Franziskus, die Autor des Briefes
Papst Fran­zis­kus

(MD) Papst Fran­zis­kus hat einen Brief an das “pil­gern­de Volk Got­tes in Deutsch­land” geschrie­ben. Die­ser ist am Fest des Hl. Petrus und Pau­lus ver­öf­fent­licht wor­den – viel­leicht auch sym­bol­haft an einem sol­chen Tag, da zwei­er Chris­tus­nach­fol­ger gedacht wird, die unter­schied­li­cher kaum sein kön­nen. Papst Fran­zis­kus twit­ter­te an Ihrem Gedenk­tag:
"Die Heiligen Petrus und Paulus waren vor Gott transparent. In ihrem Leben verharrten sie bis zum Ende in dieser Demut: Sie verstanden, dass die Heiligkeit nicht darin liegt, sich selbst zu erhöhen, sondern darin, sich zu erniedrigen."
Den Brief von Papst Fran­zis­kus kön­nen Sie hier her­un­ter­la­den.
Ich über­neh­me bewusst nicht die Pres­se­mel­dung der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz, mit der die­ser Brief ver­öf­fent­licht wird.
So habe ich mir zunächst ein­mal die Zeit genom­men, die­ses Schrei­ben selbst durch­zu­le­sen. Eini­ge Stel­len des Brie­fes kom­men einem bekannt vor; Fran­zis­kus hat dafür Sor­ge getra­gen, dass in Fuß­no­ten reich­lich Quel­len­hin­wei­se ent­hal­ten sind.

Ich will nur ein Punk­te benen­nen, die ich so auf den ers­ten Blick span­nend fin­de:

Unter 3., Seite vier, schreibt der Papst:

Um die­ser Situa­ti­on zu begeg­nen, haben Eure Bischö­fe einen syn­oda­len Weg vor­ge­schla­gen. Was die­ser kon­kret bedeu­tet und wie er sich ent­wi­ckelt, wird sicher­lich noch tie­fer in Betracht gezo­gen wer­den müs­sen. Mei­ner­seits habe ich mei­ne Betrach­tun­gen zum The­ma Syn­oda­li­tät anläss­lich der Fei­er des 50-jäh­ri­gen Bestehens der Bischofs­syn­ode dar­ge­legt. Es han­delt sich im Kern um einen syn­odos, einen gemein­sa­men Weg unter der Füh­rung des Hei­li­gen Geis­tes.”
> Ich mei­ne da her­aus­zu­le­sen, dass der Papst hier fest­stellt, dass die deut­schen Bischö­fe die­sen “Syn­oda­len Weg” in einer ver­wal­tungs­tech­ni­schen Kol­le­gia­li­tät sehen, als viel­mehr den Geist wir­ken zu las­sen. Er führt das dann in sei­nem Schrei­ben noch ein bis­serl wei­ter aus.

Seite 5:

Die aktu­el­len Her­aus­for­de­run­gen sowie die Ant­wor­ten, die wir geben, ver­lan­gen im Blick auf die Ent­wick­lung eines gesun­den aggior­na­men­to «einen lan­gen Rei­fungs­pro­zess und die Zusam­men­ar­beit eines gan­zen Vol­kes über Jah­re hin­weg».
> Hin­ter die­sem Zitat steckt Yves Con­gar in “Vera e fal­sa rifor­ma nel­la Chie­sa, 259.” – ein Kon­zils­theo­lo­ge, auf den sich unser Bischof Peter Kohl­graf spe­zia­li­siert hat (Buch: “Nur eine die­nen­de Kir­che dient der Welt”).

Nr. 5, Seite 6 und 7:

(…) eine der ers­ten und größ­ten Ver­su­chun­gen im kirch­li­chen Bereich dar­in bestehe zu glau­ben, dass die Lösun­gen der der­zei­ti­gen und zukünf­ti­gen Pro­ble­me aus­schließ­lich auf dem Wege der Reform von Struk­tu­ren, Orga­ni­sa­tio­nen und Ver­wal­tung zu errei­chen sei, dass die­se aber schluss­end­lich in kei­ner Wei­se die vita­len Punk­te berüh­ren, die eigent­lich der Auf­merk­sam­keit bedür­fen. «Es han­delt sich um eine Art neu­en Pela­gia­nis­mus, der dazu führt, unser Ver­trau­en auf die Ver­wal­tung zu set­zen, auf den per­fek­ten Appa­rat. Eine über­trie­be­ne Zen­tra­li­sie­rung kom­pli­ziert aber das Leben der Kir­che und ihre mis­sio­na­ri­sche Dyna­mik, anstatt ihr zu hel­fen (vgl. Evan­ge­lii gau­di­um)».”
> Ja, da den­ke ich an den Bis­tums­pro­zess in uns­rem Bis­tum Mainz. Es wird sich zwar red­lich bemüht eine geist­li­che Kom­po­nen­te in den Vor­der­grund zu stel­len, aber eben die­se Gesprä­che über die Struk­tu­ren und Zen­tra­li­sie­rung ste­hen doch sehr im Vor­der­grund.

Nr. 6, Seite 8:

Daher erscheint es mir wich­tig, das nicht aus den Augen zu ver­lie­ren, was «die Kir­che wie­der­holt gelehrt hat, dass wir nicht durch unse­re Wer­ke oder unse­re Anstren­gun­gen gerecht­fer­tigt wer­den, son­dern durch die Gna­de des Herrn, der die Initia­ti­ve ergreift». Ohne die­se Dimen­si­on der gött­li­chen Tugen­den lau­fen wir Gefahr, in den ver­schie­de­nen Erneue­rungs­be­stre­bun­gen das zu wie­der­ho­len, was heu­te die kirch­li­che Gemein­schaft dar­an hin­dert, die barm­her­zi­ge Lie­be Got­tes zu ver­kün­di­gen.
(…) Sooft eine kirch­li­che Gemein­schaft ver­sucht hat, allei­ne aus ihren Pro­ble­men her­aus­zu­kom­men, und ledig­lich auf die eige­nen Kräf­te, die eige­nen Metho­den und die eige­ne Intel­li­genz ver­trau­te, ende­te das dar­in, die Übel, die man über­win­den woll­te, noch zu ver­meh­ren und auf­recht­zu­er­hal­ten.”
> Und dann, weil es mir eine der Schlüs­sel­aus­sa­gen von Papst Fran­zis­kus auch in Bezug auf uns­ren Bis­tums­pro­zess erscheint, Sei­te 9:
“Das gegen­wär­ti­ge Bild der Lage erlaubt uns nicht, den Blick dafür zu ver­lie­ren, dass unse­re Sen­dung sich nicht an Pro­gno­sen, Berech­nun­gen oder ermu­ti­gen­den oder ent­mu­ti­gen­den Umfra­gen fest­macht, und zwar weder auf kirch­li­cher, noch auf poli­ti­scher, öko­no­mi­scher oder sozia­ler Ebe­ne und eben­so wenig an erfolg­rei­chen Ergeb­nis­sen unse­rer Pas­to­ral­pla­nun­gen. Alles das ist von Bedeu­tung, auch die­se Din­ge zu wer­ten, hin­zu­hö­ren, aus­zu­wer­ten und zu beach­ten; in sich jedoch erschöpft sich dar­in nicht unser Gläu­big-Sein. Unse­re Sen­dung und unser Daseins­grund wur­zelt dar­in, dass «Gott die Welt so sehr geliebt hat, dass er sei­nen ein­zi­gen Sohn dahin­gab, damit alle, die an ihn glau­ben, nicht ver­lo­ren gehen, son­dern das ewi­ge Leben haben» (Joh 3,16).
«Ohne neu­es Leben und ech­ten, vom Evan­ge­li­um inspi­rier­ten Geist, ohne „Treue der Kir­che gegen­über ihrer eige­nen Beru­fung“ wird jeg­li­che neue Struk­tur in kur­zer Zeit ver­der­ben». Des­halb kann der bevor­ste­hen­de Wand­lungs­pro­zess nicht aus­schließ­lich reagie­rend auf äuße­re Fak­ten und Not­wen­dig­kei­ten ant­wor­ten, wie es zum Bei­spiel der star­ke Rück­gang der Gebur­ten­zahl und die Über­al­te­rung der Gemein­den sind, die nicht erlau­ben, einen nor­ma­len Genera­tio­nen­wech­sel ins Auge zu fas­sen. Objek­ti­ve und gül­ti­ge Ursa­chen wür­den jedoch, wer­den sie iso­liert vom Geheim­nis der Kir­che betrach­tet, eine ledig­lich reak­ti­ve Hal­tung – sowohl posi­tiv wie nega­tiv – begüns­ti­gen und anre­gen. Ein wah­rer Wand­lungs­pro­zess beant­wor­tet, stellt aber zugleich auch Anfor­de­run­gen, die unse­rem Christ-Sein und der urei­ge­nen Dyna­mik der Evan­ge­li­sie­rung der Kir­che ent­sprin­gen; ein sol­cher Pro­zess ver­langt eine pas­to­ra­le Bekeh­rung. Wir wer­den auf­ge­for­dert, eine Hal­tung ein­zu­neh­men, die dar­auf abzielt, das Evan­ge­li­um zu leben und trans­pa­rent zu machen, indem sie mit «dem grau­en Prag­ma­tis­mus des täg­li­chen Lebens der Kir­che bricht, in dem anschei­nend alles nor­mal abläuft, aber in Wirk­lich­keit der Glau­be nach­lässt und ins Schä­bi­ge absinkt». Pas­to­ra­le Bekeh­rung ruft uns in Erin­ne­rung, dass die Evan­ge­li­sie­rung unser Leit­kri­te­ri­um schlecht­hin sein muss, unter dem wir alle Schrit­te erken­nen kön­nen, die wir als kirch­li­che Gemein­schaft geru­fen sind in Gang zu set­zen geru­fen sind; Evan­ge­li­sie­ren bil­det die eigent­li­che und wesent­li­che Sen­dung der Kir­che.”
> Das ist für mich ein wesent­li­cher Punkt: Wir müs­sen ler­nen, das Evan­ge­li­um zu leben und trans­pa­rent zu machen. Wir sind doch zu einer Hoff­nung in Jesus Chris­tus beru­fen!

Nr. 7. Seite 11:

Ver­stim­mung, Apa­thie, Bit­ter­keit, Kri­tik­sucht sowie Trau­rig­keit sind kei­ne guten Zei­chen oder Rat­ge­ber; viel­mehr gibt es Zei­ten in denen «die Trau­rig­keit mit­un­ter mit Undank­bar­keit zu tun hat: Man ist so in sich selbst ver­schlos­sen, dass man unfä­hig wird, die Geschen­ke Got­tes anzu­er­ken­nen»”

Nr. 8, Seite 11:

Des­halb muss unser Haupt­au­gen­merk sein, wie wir die­se Freu­de mit­tei­len: indem wir uns öff­nen und hin­aus­ge­hen, um unse­ren Brü­dern und Schwes­tern zu begeg­nen, beson­ders jenen, die an den Schwel­len unse­rer Kir­chen­tü­ren, auf den Stra­ßen, in den Gefäng­nis­sen, in den Kran­ken­häu­sern, auf den Plät­zen und in den Städ­ten zu fin­den sind. Der Herr drück­te sich klar aus: «Sucht aber zuerst sein Reich und sei­ne Gerech­tig­keit; dann wird euch alles ande­re dazu­ge­ge­ben» (Mt 6,33).”

Nr. 9, Seite 12:

Die Aus­füh­run­gen zur Welt­kir­che <–> Teil­kir­chen lenkt den Blick auf den “Sen­sus Eccle­siae”, dem ‘tie­fen Kir­chen­sinn’:
“Der Sen­sus Eccle­siae befreit uns von Eigen­brö­te­lei und ideo­lo­gi­schen Ten­den­zen, um uns einen Geschmack die­ser Gewiss­heit des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils zu geben, als es bekräf­tig­te, dass die Sal­bung des Hei­li­gen (vgl. 1 Joh 2,20. 27) zur Gesamt­heit der Gläu­bi­gen gehört. Die Gemein­schaft mit dem hei­li­gen und treu­en Volk Got­tes, dem Trä­ger der Sal­bung, hält die Hoff­nung und die Gewiss­heit am Leben, dass der Herr an unse­rer Sei­te wan­delt und dass er es ist, der unse­re Schrit­te stützt.

Nr. 10, Seite 15:

Des­halb ach­tet auf­merk­sam auf jede Ver­su­chung, die dazu führt, das Volk Got­tes auf eine erleuch­te­te Grup­pe redu­zie­ren zu wol­len, die nicht erlaubt, die unschein­ba­re, zer­streu­te­Hei­lig­keit zu sehen, sich an ihr zu freu­en und dafür zu dan­ken. Die­se Hei­lig­keit, die da lebt «im gedul­di­gen Volk Got­tes: in den Eltern, die ihre Kin­der mit so viel Lie­be erzie­hen, in den Män­nern und Frau­en, die arbei­ten, um das täg­li­che Brot nach Hau­se zu brin­gen, in den Kran­ken, in den älte­ren Ordens­frau­en, die wei­ter lächeln. In die­ser Bestän­dig­keit eines tag­täg­li­chen Vor­an­schrei­tens sehe ich die Hei­lig­keit der strei­ten­den Kir­che. Oft ist das die Hei­lig­keit „von neben­an“, derer, die in unse­rer Nähe woh­nen und die ein Wider­schein der Gegen­wart Got­tes sind».”

Nr. 12, Seite 18:

Im Grun­de genom­men ermög­li­chen uns die­se Geis­tes­hal­tun­gen – wah­re geist­li­che Heil­mit­tel (Gebet, Buße und Anbe­tung) –, noch ein­mal zu erfah­ren, dass Christ-Sein bedeu­tet, sich selig und geseg­net und somit Trä­ger der Glück­se­lig­keit für die ande­ren zu wis­sen. Christ-Sein bedeu­tet, der Kir­che der Selig­prei­sun­gen für die Selig­ge­prie­se­nen von heu­te anzu­ge­hö­ren: die Armen, die Hung­ri­gen, die Wei­nen­den, die Gehass­ten, die Aus­ge­schlos­se­nen und die Beschimpf­ten (vgl. Lk 6,20–23). Ver­ges­sen wir nicht: «In den Selig­prei­sun­gen zeigt der Herr uns den Weg. Wenn wir den Weg der Selig­prei­sun­gen gehen, kön­nen wir zum wahrs­ten mensch­li­chen und gött­li­chen Glück gelan­gen. Die Selig­prei­sun­gen sind der Spie­gel, der uns mit einem Blick dar­auf kund­tut, ob wir auf einem rich­ti­gen Weg gehen: Die­ser Spie­gel­lügt nicht»!”

Nr. 13, Schlussformel:

Sei­ne Lie­be «erlaubt uns, das Haupt zu erhe­ben und neu zu begin­nen. Flie­hen wir nicht vor der Auf­er­ste­hung Jesu, geben wir uns nie­mals geschla­gen, was auch immer gesche­hen mag.
Nichts soll stär­ker sein als sein Leben, das uns vor­an­treibt!»”
> Amen!
Durch­aus eine gelun­ge­ne Sonn­tags­lek­tü­re, die uns Papst Fran­zis­kus hat zukom­men las­sen, wenn auch ohne Über­ra­schun­gen.

Statement von Bischof Kohlgraf:

Sehr geehr­te, lie­be Schwes­tern und Brü­der,
Papst Fran­zis­kus hat an alle Gläu­bi­gen der katho­li­schen Kir­che in Deutsch­land zum heu­ti­gen Datum einen Brief geschrie­ben, den ich Ihnen ger­ne wei­ter­ge­be. Hin­ter­grund sind die Pla­nun­gen eines „Syn­oda­len Weges“, den die Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz zusam­men mit dem Zen­tral­ko­mi­tee der deut­schen Katho­li­ken geplant hat und mit Ihnen, dem Volk Got­tes, gemein­sam gehen will. Ich sehe in den Aus­sa­gen des Paps­tes über den Blick auf den „Syn­oda­len Weg“ hin­aus auch wich­ti­ge Wei­sun­gen für unse­ren „Pas­to­ra­len Weg“ im Bis­tum Mainz. Daher emp­feh­le ich das Schrei­ben des Paps­tes der auf­merk­sa­men Lek­tü­re und ermu­ti­ge, sei­ne The­men in unse­ren Gesprä­chen auf­zu­grei­fen und zu beher­zi­gen.

Allen, die sich in den Urlaub auf­ma­chen, wün­sche ich eine geseg­ne­te und erhol­sa­me Zeit, Ihnen allen Got­tes Segen.

Ihr
Peter Kohl­graf
Bischof von Mainz”
> Auch dem ist nichts hin­zu­zu­fü­gen: Fro­he Urlaubs­zeit.

Botschaft Papst Franziskus Fastenzeit 2017

Botschaft von Papst Franziskus zur Fastenzeit 2017

Lie­be Lese­rIn­nen,

Papst Franziskus richtet seine Botschaft zur Fastenzeit 2017 an uns.
Papst Fran­zis­kus rich­tet sei­ne Bot­schaft zur Fas­ten­zeit 2017 an uns.

neben vie­len Bil­dern und Ein­drü­cken, die hier ger­ne ver­öf­fent­licht und mit Inter­es­se gele­sen wer­den, wol­len wir uns auch Tex­ten wid­men. So hat Papst Fran­zis­kus bereits am 18. Okto­ber 2016 sei­ne Gedan­ken zur Fas­ten­zeit, also zur öster­li­chen Buß­zeit,  2017 abge­fasst.
Wir laden Sie ein in einer ruhi­gen Stun­de die Bibel auf­zu­schla­gen und das Evan­ge­li­um vom rei­chen Pras­ser und dem armen Laza­rus (Lk 16,19–31) zu lesen. Dann kön­nen Sie um so bes­ser der Aus­le­gung und den Impul­sen von Papst Fran­zis­kus fol­gen. (Mar­kus Dann­häu­ser)

Das Wort Gottes ist ein Geschenk.
Der andere ist ein Geschenk.

Lie­be Brü­der und Schwes­tern,
Die öster­li­che Buß­zeit ist ein Neu­an­fang, ein Weg, der zu einem siche­ren Ziel führt: zum Pascha der Auf­er­ste­hung, zum Sieg Chris­ti über den Tod. Und immer rich­tet die­se Zeit eine nach­drück­li­che Ein­la­dung zur Umkehr an uns: Der Christ ist auf­ge­ru­fen, » von gan­zem Her­zen « (Joel 2,12) zu Gott zurück­zu­keh­ren, um sich nicht mit einem mit­tel­mä­ßi­gen Leben zufrie­den­zu­ge­ben, son­dern in der Freund­schaft mit dem Herrn zu wach­sen. Jesus ist der treue Freund, der uns nie ver­lässt, denn auch wenn wir sün­di­gen, war­tet er gedul­dig auf unse­re Rück­kehr zu ihm und zeigt mit die­sem War­ten, dass er wil­lig ist, zu ver­ge­ben (vgl. Homi­lie, Domus Sanc­tae Marthae, 8. Janu­ar 2016).
Die öster­li­che Buß­zeit ist der güns­ti­ge Moment, das Leben des Geis­tes durch die hei­li­gen Mit­tel, wel­che die Kir­che uns bie­tet, zu inten­si­vie­ren: durch Fas­ten, Gebet und Almo­sen­ge­ben. Die Grund­la­ge von all­dem ist das Wort Got­tes, und in die­ser Zeit sind wir ein­ge­la­den, es mit grö­ße­rem Eifer zu hören und zu medi­tie­ren. Beson­ders möch­te ich hier auf das Gleich­nis vom rei­chen Pras­ser und dem armen Laza­rus ein­ge­hen (vgl. Lk 16,19–31). Las­sen wir uns von die­ser so bedeu­tungs­vol­len Erzäh­lung anre­gen: Sie bie­tet uns den Schlüs­sel, der uns begrei­fen lässt, was wir tun müs­sen, um das wah­re Glück und das ewi­ge Leben zu erlan­gen, und ermahnt uns zu auf­rich­ti­ger Umkehr.

1. Der andere ist ein Geschenk

Das Gleich­nis beginnt mit einer Vor­stel­lung der bei­den Haupt­fi­gu­ren, doch der Arme wird wesent­lich aus­führ­li­cher beschrie­ben: Er befin­det sich in einer ver­zwei­fel­ten Lage und hat nicht die Kraft, sich wie­der auf­zu­rich­ten. Er liegt vor der Tür des Rei­chen und wür­de ger­ne von dem essen, was von des­sen Tisch fällt; sein Leib ist vol­ler Geschwü­re, und die Hun­de kom­men und lecken dar­an (vgl. V. 20–21). Ein düs­te­res Bild also von einem ent­wür­dig­ten und ernied­rig­ten Men­schen.
Die Sze­ne erscheint noch dra­ma­ti­scher, wenn man bedenkt, dass der Arme Laza­rus heißt – ein ver­hei­ßungs­vol­ler Name, der wört­lich bedeu­tet „Gott hilft“. Er ist daher kei­ne anony­me Figur; er hat ganz deut­li­che Züge und zeigt sich als ein Mensch, dem eine per­sön­li­che Geschich­te zuzu­ord­nen ist. Wäh­rend er für den Rei­chen gleich­sam unsicht­bar ist, wird er uns bekannt und fast ver­traut, er bekommt ein Gesicht; und als sol­cher wird er ein Geschenk, ein unschätz­ba­rer Reich­tum, ein Wesen, das Gott gewollt hat, das er liebt und an das er denkt, auch wenn sei­ne kon­kre­te Situa­ti­on die eines Stücks mensch­li­chen Mülls ist (vgl. Homi­lie, Domus Sanc­tae Marthae, 8. Janu­ar 2016).
Laza­rus lehrt uns, dass der ande­re ein Geschenk ist. Die rech­te Bezie­hung zu den Men­schen besteht dar­in, dank­bar ihren Wert zu erken­nen. Auch der Arme vor der Tür des Rei­chen ist nicht etwa ein läs­ti­ges Hin­der­nis, son­dern ein Appell, umzu­keh­ren und das eige­ne Leben zu ändern. Der ers­te Auf­ruf, den die­ses Gleich­nis an uns rich­tet, ist der, dem ande­ren die Tür unse­res Her­zens zu öff­nen, denn jeder Mensch ist ein Geschenk, sowohl unser Nach­bar, als auch der unbe­kann­te Arme. Die öster­li­che Buß­zeit ist eine güns­ti­ge Zeit, um jedem Bedürf­ti­gen die Tür zu öff­nen und in ihm oder ihr das Ant­litz Chris­ti zu erken­nen. Jeder von uns trifft sol­che auf sei­nem Weg. Jedes Leben, das uns ent­ge­gen­kommt, ist ein Geschenk und ver­dient Auf­nah­me, Ach­tung und Lie­be. Das Wort Got­tes hilft uns, die Augen zu öff­nen, um das Leben auf­zu­neh­men und zu lie­ben, beson­ders wenn es schwach ist. Doch um dazu fähig zu sein, muss man auch ernst neh­men, was das Evan­ge­li­um uns in Bezug auf den rei­chen Pras­ser offen­bart.

2. Die Sünde macht uns blind

Mit­leid­los stellt das Gleich­nis die Gegen­sät­ze her­aus, in denen sich der Rei­che befin­det (vgl. V. 19). Die­se Gestalt hat im Unter­schied zum armen Laza­rus kei­nen Namen; der Mann wird als „reich“ bezeich­net. Sein üppi­ger Lebens­stil zeigt sich in den über­trie­ben luxu­riö­sen Klei­dern, die er trägt. Pur­pur war näm­lich etwas sehr Wert­vol­les, mehr als Sil­ber und Gold, und daher war er den Gott­hei­ten (vgl. Jer 10,9) und den Köni­gen (vgl. Ri 8,26) vor­be­hal­ten. Byssus war ein beson­de­res Lei­nen, das dazu bei­trug, der Erschei­nung einen fast sakra­len Cha­rak­ter zu ver­lei­hen. Der Reich­tum die­ses Man­nes ist also über­trie­ben, auch weil er tag­täg­lich und gewohn­heits­mä­ßig zur Schau gestellt wird: Er leb­te » Tag für Tag herr­lich und in Freu­den « (V. 19). In ihm scheint in dra­ma­ti­scher Wei­se die Ver­dor­ben­heit durch die Sün­de auf, die sich in drei auf­ein­an­der fol­gen­den Schrit­ten ver­wirk­licht: Lie­be zum Geld, Eitel­keit und Hoch­mut (vgl. Homi­lie, Domus Sanc­tae Marthae, 20. Sep­tem­ber 2013).
Der Apos­tel Pau­lus sagt: »Die Wur­zel aller Übel ist die Hab­sucht« (1 Tim 6,10). Sie ist der Haupt­grund für die Ver­dor­ben­heit und ein Quell von Neid, Strei­tig­kei­ten und Ver­däch­ti­gun­gen. Das Geld kann uns schließ­lich so beherr­schen, dass es zu einem tyran­ni­schen Göt­zen wird (vgl. Apost. Schrei­ben Evan­ge­lii gau­di­um, 55). Anstatt ein Mit­tel zu sein, das uns dient, um Gutes zu tun und Soli­da­ri­tät gegen­über den ande­ren zu üben, kann das Geld uns und die Welt einer ego­is­ti­schen Denk­wei­se unter­wer­fen, die der Lie­be kei­nen Raum lässt und den Frie­den behin­dert.
Das Gleich­nis zeigt uns außer­dem, dass die Hab­sucht des Rei­chen ihn eitel macht. Sei­ne Per­sön­lich­keit geht in der äuße­ren Erschei­nung auf, dar­in, den ande­ren zu zei­gen, was er sich leis­ten kann. Doch die Erschei­nung tarnt die inne­re Lee­re. Sein Leben ist gefan­gen in der Äußer­lich­keit, in der ober­fläch­lichs­ten und ver­gäng­lichs­ten Dimen­si­on des Seins (vgl. ebd., 62).
Die tiefs­te Stu­fe die­ses mora­li­schen Ver­falls ist der Hoch­mut. Der rei­che Mann klei­det sich, als sei er ein König, er täuscht die Hal­tung eines Got­tes vor und ver­gisst, dass er bloß ein Sterb­li­cher ist. Für den von der Lie­be zum Reich­tum ver­dor­be­nen Men­schen gibt es nichts ande­res, als das eige­ne Ich, und des­halb gelan­gen die Men­schen, die ihn umge­ben, nicht in sein Blick­feld. Die Frucht der Anhäng­lich­keit ans Geld ist also eine Art Blind­heit: Der Rei­che sieht den hung­ri­gen, mit Geschwü­ren bedeck­ten und in sei­ner Ernied­ri­gung ent­kräf­te­ten Armen über­haupt nicht.
Wenn man die­se Gestalt betrach­tet, ver­steht man, war­um das Evan­ge­li­um in sei­ner Ver­ur­tei­lung der Lie­be zum Geld so deut­lich ist: »Nie­mand kann zwei Her­ren die­nen; er wird ent­we­der den einen has­sen und den andern lie­ben oder er wird zu dem einen hal­ten und den andern ver­ach­ten. Ihr könnt nicht bei­den die­nen, Gott und dem Mam­mon« (Mt 6,24).

3. Das Wort Gottes ist ein Geschenk

Das Evan­ge­li­um vom rei­chen Pras­ser und dem armen Laza­rus hilft uns, uns gut auf das Oster­fest vor­zu­be­rei­ten, das näher rückt. Die Lit­ur­gie des Ascher­mitt­wochs lädt uns zu einer Erfah­rung ein, die jener ähn­lich ist, die der Rei­che in sehr dra­ma­ti­scher Wei­se macht. Der Pries­ter spricht beim Auf­le­gen der Asche: »Beden­ke, Mensch, dass du Staub bist und wie­der zum Staub zurück­keh­ren wirst.« Bei­de – der Rei­che und der Arme – ster­ben näm­lich, und der Haupt­teil des Gleich­nis­ses spielt im Jen­seits. Bei­de ent­de­cken plötz­lich eine Grund­wahr­heit: »Wir haben nichts in die Welt mit­ge­bracht, und wir kön­nen auch nichts aus ihr mit­neh­men« (1 Tim 6,7).
Auch unser Blick öff­net sich dem Jen­seits, wo der Rei­che ein lan­ges Gespräch mit Abra­ham führt, den er »Vater« nennt (Lk 16,24.27) und damit zeigt, dass er zum Volk Got­tes gehört. Die­ses Detail macht sein Leben noch wider­sprüch­li­cher, denn bis zu die­sem Zeit­punkt war von sei­ner Bezie­hung zu Gott kei­ne Rede gewe­sen. Tat­säch­lich war in sei­nem Leben kein Platz für Gott gewe­sen, da sein ein­zi­ger Gott er sel­ber gewe­sen war.
Erst in den Qua­len des Jen­seits erkennt der Rei­che den Laza­rus und möch­te, dass der Arme sei­ne Lei­den mit ein wenig Was­ser lin­dert. Was er von Laza­rus erbit­tet, ähnelt dem, was der Rei­che hät­te tun kön­nen, aber nie getan hat. Doch Abra­ham erklärt ihm: » Denk dar­an, dass du schon zu Leb­zei­ten dei­nen Anteil am Guten erhal­ten hast, Laza­rus aber nur Schlech­tes. Jetzt wird er dafür getrös­tet, du aber musst lei­den« (V. 25). Im Jen­seits wird eine gewis­se Gerech­tig­keit wie­der her­ge­stellt und das Schlech­te aus dem Leben wird durch das Gute aus­ge­gli­chen.
Das Gleich­nis geht noch wei­ter und ver­mit­telt so eine Bot­schaft für alle Chris­ten. Der Rei­che, der Brü­der hat, die noch leben, bit­tet näm­lich Abra­ham, Laza­rus zu ihnen zu schi­cken, um sie zu war­nen. Doch Abra­ham ant­wor­tet: »Sie haben Mose und die Pro­phe­ten, auf die sol­len sie hören« (V. 29). Und auf den Ein­wand des Rei­chen fügt er hin­zu: »Wenn sie auf Mose und die Pro­phe­ten nicht hören, wer­den sie sich auch nicht über­zeu­gen las­sen, wenn einer von den Toten auf­er­steht« (V. 31).
Auf die­se Wei­se kommt das eigent­li­che Pro­blem des Rei­chen zum Vor­schein: Die Wur­zel sei­ner Übel besteht dar­in, dass er nicht auf das Wort Got­tes hört; das hat ihn dazu gebracht, Gott nicht mehr zu lie­ben und dar­um den Nächs­ten zu ver­ach­ten. Das Wort Got­tes ist eine leben­di­ge Kraft, die imstan­de ist, im Her­zen der Men­schen die Umkehr aus­zu­lö­sen und die Per­son wie­der auf Gott hin aus­zu­rich­ten. Das Herz gegen­über dem Geschenk zu ver­schlie­ßen, das der spre­chen­de Gott ist, hat zur Fol­ge, dass sich das Herz auch gegen­über dem Geschenk ver­schließt, das der Mit­mensch ist.
Lie­be Brü­der und Schwes­tern, die öster­li­che Buß­zeit ist die güns­ti­ge Zeit, um sich zu erneu­ern in der Begeg­nung mit Chris­tus, der in sei­nem Wort, in den Sakra­men­ten und im Nächs­ten leben­dig ist. Der Herr, der in den vier­zig Tagen in der Wüs­te die List des Ver­su­chers über­wun­den hat, zeigt uns den Weg, dem wir fol­gen müs­sen. Möge der Hei­li­ge Geist uns lei­ten, einen wah­ren Weg der Umkehr zu gehen, um das Geschenk des Wor­tes Got­tes neu zu ent­de­cken, von der Sün­de, die uns blind macht, gerei­nigt zu wer­den und Chris­tus in den bedürf­ti­gen Mit­men­schen zu die­nen. Ich ermu­ti­ge alle Gläu­bi­gen, die­se geist­li­che Erneue­rung auch durch die Teil­nah­me an den Fas­ten­ak­tio­nen zum Aus­druck zu brin­gen, die vie­le kirch­li­che Orga­nis­men in ver­schie­de­nen Tei­len der Welt durch­füh­ren, um die Kul­tur der Begeg­nung in der einen Mensch­heits­fa­mi­lie zu för­dern. Beten wir für­ein­an­der, dass wir am Sieg Chris­ti Anteil erhal­ten und ver­ste­hen, unse­re Türen dem Schwa­chen und dem Armen zu öff­nen. Dann kön­nen wir die Oster­freu­de in Fül­le erle­ben und bezeu­gen.

Aus dem Vati­kan, am 18. Okto­ber 2016,
dem Fest des hei­li­gen Lukas

Fran­zis­kus