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Botschaft Papst Franziskus Fastenzeit 2017

Botschaft von Papst Franziskus zur Fastenzeit 2017

Lie­be Lese­rIn­nen,

Papst Franziskus richtet seine Botschaft zur Fastenzeit 2017 an uns.
Papst Fran­zis­kus rich­tet sei­ne Bot­schaft zur Fas­ten­zeit 2017 an uns.

neben vie­len Bil­dern und Ein­drü­cken, die hier ger­ne ver­öf­fent­licht und mit Inter­es­se gele­sen wer­den, wol­len wir uns auch Tex­ten wid­men. So hat Papst Fran­zis­kus bereits am 18. Okto­ber 2016 sei­ne Gedan­ken zur Fas­ten­zeit, also zur öster­li­chen Buß­zeit,  2017 abge­fasst.
Wir laden Sie ein in einer ruhi­gen Stun­de die Bibel auf­zu­schla­gen und das Evan­ge­li­um vom rei­chen Pras­ser und dem armen Laza­rus (Lk 16,19–31) zu lesen. Dann kön­nen Sie um so bes­ser der Aus­le­gung und den Impul­sen von Papst Fran­zis­kus fol­gen. (Mar­kus Dann­häu­ser)

Das Wort Gottes ist ein Geschenk.
Der andere ist ein Geschenk.

Lie­be Brü­der und Schwes­tern,
Die öster­li­che Buß­zeit ist ein Neu­an­fang, ein Weg, der zu einem siche­ren Ziel führt: zum Pascha der Auf­er­ste­hung, zum Sieg Chris­ti über den Tod. Und immer rich­tet die­se Zeit eine nach­drück­li­che Ein­la­dung zur Umkehr an uns: Der Christ ist auf­ge­ru­fen, » von gan­zem Her­zen « (Joel 2,12) zu Gott zurück­zu­keh­ren, um sich nicht mit einem mit­tel­mä­ßi­gen Leben zufrie­den­zu­ge­ben, son­dern in der Freund­schaft mit dem Herrn zu wach­sen. Jesus ist der treue Freund, der uns nie ver­lässt, denn auch wenn wir sün­di­gen, war­tet er gedul­dig auf unse­re Rück­kehr zu ihm und zeigt mit die­sem War­ten, dass er wil­lig ist, zu ver­ge­ben (vgl. Homi­lie, Domus Sanc­tae Marthae, 8. Janu­ar 2016).
Die öster­li­che Buß­zeit ist der güns­ti­ge Moment, das Leben des Geis­tes durch die hei­li­gen Mit­tel, wel­che die Kir­che uns bie­tet, zu inten­si­vie­ren: durch Fas­ten, Gebet und Almo­sen­ge­ben. Die Grund­la­ge von all­dem ist das Wort Got­tes, und in die­ser Zeit sind wir ein­ge­la­den, es mit grö­ße­rem Eifer zu hören und zu medi­tie­ren. Beson­ders möch­te ich hier auf das Gleich­nis vom rei­chen Pras­ser und dem armen Laza­rus ein­ge­hen (vgl. Lk 16,19–31). Las­sen wir uns von die­ser so bedeu­tungs­vol­len Erzäh­lung anre­gen: Sie bie­tet uns den Schlüs­sel, der uns begrei­fen lässt, was wir tun müs­sen, um das wah­re Glück und das ewi­ge Leben zu erlan­gen, und ermahnt uns zu auf­rich­ti­ger Umkehr.

1. Der andere ist ein Geschenk

Das Gleich­nis beginnt mit einer Vor­stel­lung der bei­den Haupt­fi­gu­ren, doch der Arme wird wesent­lich aus­führ­li­cher beschrie­ben: Er befin­det sich in einer ver­zwei­fel­ten Lage und hat nicht die Kraft, sich wie­der auf­zu­rich­ten. Er liegt vor der Tür des Rei­chen und wür­de ger­ne von dem essen, was von des­sen Tisch fällt; sein Leib ist vol­ler Geschwü­re, und die Hun­de kom­men und lecken dar­an (vgl. V. 20–21). Ein düs­te­res Bild also von einem ent­wür­dig­ten und ernied­rig­ten Men­schen.
Die Sze­ne erscheint noch dra­ma­ti­scher, wenn man bedenkt, dass der Arme Laza­rus heißt – ein ver­hei­ßungs­vol­ler Name, der wört­lich bedeu­tet „Gott hilft“. Er ist daher kei­ne anony­me Figur; er hat ganz deut­li­che Züge und zeigt sich als ein Mensch, dem eine per­sön­li­che Geschich­te zuzu­ord­nen ist. Wäh­rend er für den Rei­chen gleich­sam unsicht­bar ist, wird er uns bekannt und fast ver­traut, er bekommt ein Gesicht; und als sol­cher wird er ein Geschenk, ein unschätz­ba­rer Reich­tum, ein Wesen, das Gott gewollt hat, das er liebt und an das er denkt, auch wenn sei­ne kon­kre­te Situa­ti­on die eines Stücks mensch­li­chen Mülls ist (vgl. Homi­lie, Domus Sanc­tae Marthae, 8. Janu­ar 2016).
Laza­rus lehrt uns, dass der ande­re ein Geschenk ist. Die rech­te Bezie­hung zu den Men­schen besteht dar­in, dank­bar ihren Wert zu erken­nen. Auch der Arme vor der Tür des Rei­chen ist nicht etwa ein läs­ti­ges Hin­der­nis, son­dern ein Appell, umzu­keh­ren und das eige­ne Leben zu ändern. Der ers­te Auf­ruf, den die­ses Gleich­nis an uns rich­tet, ist der, dem ande­ren die Tür unse­res Her­zens zu öff­nen, denn jeder Mensch ist ein Geschenk, sowohl unser Nach­bar, als auch der unbe­kann­te Arme. Die öster­li­che Buß­zeit ist eine güns­ti­ge Zeit, um jedem Bedürf­ti­gen die Tür zu öff­nen und in ihm oder ihr das Ant­litz Chris­ti zu erken­nen. Jeder von uns trifft sol­che auf sei­nem Weg. Jedes Leben, das uns ent­ge­gen­kommt, ist ein Geschenk und ver­dient Auf­nah­me, Ach­tung und Lie­be. Das Wort Got­tes hilft uns, die Augen zu öff­nen, um das Leben auf­zu­neh­men und zu lie­ben, beson­ders wenn es schwach ist. Doch um dazu fähig zu sein, muss man auch ernst neh­men, was das Evan­ge­li­um uns in Bezug auf den rei­chen Pras­ser offen­bart.

2. Die Sünde macht uns blind

Mit­leid­los stellt das Gleich­nis die Gegen­sät­ze her­aus, in denen sich der Rei­che befin­det (vgl. V. 19). Die­se Gestalt hat im Unter­schied zum armen Laza­rus kei­nen Namen; der Mann wird als „reich“ bezeich­net. Sein üppi­ger Lebens­stil zeigt sich in den über­trie­ben luxu­riö­sen Klei­dern, die er trägt. Pur­pur war näm­lich etwas sehr Wert­vol­les, mehr als Sil­ber und Gold, und daher war er den Gott­hei­ten (vgl. Jer 10,9) und den Köni­gen (vgl. Ri 8,26) vor­be­hal­ten. Byssus war ein beson­de­res Lei­nen, das dazu bei­trug, der Erschei­nung einen fast sakra­len Cha­rak­ter zu ver­lei­hen. Der Reich­tum die­ses Man­nes ist also über­trie­ben, auch weil er tag­täg­lich und gewohn­heits­mä­ßig zur Schau gestellt wird: Er leb­te » Tag für Tag herr­lich und in Freu­den « (V. 19). In ihm scheint in dra­ma­ti­scher Wei­se die Ver­dor­ben­heit durch die Sün­de auf, die sich in drei auf­ein­an­der fol­gen­den Schrit­ten ver­wirk­licht: Lie­be zum Geld, Eitel­keit und Hoch­mut (vgl. Homi­lie, Domus Sanc­tae Marthae, 20. Sep­tem­ber 2013).
Der Apos­tel Pau­lus sagt: »Die Wur­zel aller Übel ist die Hab­sucht« (1 Tim 6,10). Sie ist der Haupt­grund für die Ver­dor­ben­heit und ein Quell von Neid, Strei­tig­kei­ten und Ver­däch­ti­gun­gen. Das Geld kann uns schließ­lich so beherr­schen, dass es zu einem tyran­ni­schen Göt­zen wird (vgl. Apost. Schrei­ben Evan­ge­lii gau­di­um, 55). Anstatt ein Mit­tel zu sein, das uns dient, um Gutes zu tun und Soli­da­ri­tät gegen­über den ande­ren zu üben, kann das Geld uns und die Welt einer ego­is­ti­schen Denk­wei­se unter­wer­fen, die der Lie­be kei­nen Raum lässt und den Frie­den behin­dert.
Das Gleich­nis zeigt uns außer­dem, dass die Hab­sucht des Rei­chen ihn eitel macht. Sei­ne Per­sön­lich­keit geht in der äuße­ren Erschei­nung auf, dar­in, den ande­ren zu zei­gen, was er sich leis­ten kann. Doch die Erschei­nung tarnt die inne­re Lee­re. Sein Leben ist gefan­gen in der Äußer­lich­keit, in der ober­fläch­lichs­ten und ver­gäng­lichs­ten Dimen­si­on des Seins (vgl. ebd., 62).
Die tiefs­te Stu­fe die­ses mora­li­schen Ver­falls ist der Hoch­mut. Der rei­che Mann klei­det sich, als sei er ein König, er täuscht die Hal­tung eines Got­tes vor und ver­gisst, dass er bloß ein Sterb­li­cher ist. Für den von der Lie­be zum Reich­tum ver­dor­be­nen Men­schen gibt es nichts ande­res, als das eige­ne Ich, und des­halb gelan­gen die Men­schen, die ihn umge­ben, nicht in sein Blick­feld. Die Frucht der Anhäng­lich­keit ans Geld ist also eine Art Blind­heit: Der Rei­che sieht den hung­ri­gen, mit Geschwü­ren bedeck­ten und in sei­ner Ernied­ri­gung ent­kräf­te­ten Armen über­haupt nicht.
Wenn man die­se Gestalt betrach­tet, ver­steht man, war­um das Evan­ge­li­um in sei­ner Ver­ur­tei­lung der Lie­be zum Geld so deut­lich ist: »Nie­mand kann zwei Her­ren die­nen; er wird ent­we­der den einen has­sen und den andern lie­ben oder er wird zu dem einen hal­ten und den andern ver­ach­ten. Ihr könnt nicht bei­den die­nen, Gott und dem Mam­mon« (Mt 6,24).

3. Das Wort Gottes ist ein Geschenk

Das Evan­ge­li­um vom rei­chen Pras­ser und dem armen Laza­rus hilft uns, uns gut auf das Oster­fest vor­zu­be­rei­ten, das näher rückt. Die Lit­ur­gie des Ascher­mitt­wochs lädt uns zu einer Erfah­rung ein, die jener ähn­lich ist, die der Rei­che in sehr dra­ma­ti­scher Wei­se macht. Der Pries­ter spricht beim Auf­le­gen der Asche: »Beden­ke, Mensch, dass du Staub bist und wie­der zum Staub zurück­keh­ren wirst.« Bei­de – der Rei­che und der Arme – ster­ben näm­lich, und der Haupt­teil des Gleich­nis­ses spielt im Jen­seits. Bei­de ent­de­cken plötz­lich eine Grund­wahr­heit: »Wir haben nichts in die Welt mit­ge­bracht, und wir kön­nen auch nichts aus ihr mit­neh­men« (1 Tim 6,7).
Auch unser Blick öff­net sich dem Jen­seits, wo der Rei­che ein lan­ges Gespräch mit Abra­ham führt, den er »Vater« nennt (Lk 16,24.27) und damit zeigt, dass er zum Volk Got­tes gehört. Die­ses Detail macht sein Leben noch wider­sprüch­li­cher, denn bis zu die­sem Zeit­punkt war von sei­ner Bezie­hung zu Gott kei­ne Rede gewe­sen. Tat­säch­lich war in sei­nem Leben kein Platz für Gott gewe­sen, da sein ein­zi­ger Gott er sel­ber gewe­sen war.
Erst in den Qua­len des Jen­seits erkennt der Rei­che den Laza­rus und möch­te, dass der Arme sei­ne Lei­den mit ein wenig Was­ser lin­dert. Was er von Laza­rus erbit­tet, ähnelt dem, was der Rei­che hät­te tun kön­nen, aber nie getan hat. Doch Abra­ham erklärt ihm: » Denk dar­an, dass du schon zu Leb­zei­ten dei­nen Anteil am Guten erhal­ten hast, Laza­rus aber nur Schlech­tes. Jetzt wird er dafür getrös­tet, du aber musst lei­den« (V. 25). Im Jen­seits wird eine gewis­se Gerech­tig­keit wie­der her­ge­stellt und das Schlech­te aus dem Leben wird durch das Gute aus­ge­gli­chen.
Das Gleich­nis geht noch wei­ter und ver­mit­telt so eine Bot­schaft für alle Chris­ten. Der Rei­che, der Brü­der hat, die noch leben, bit­tet näm­lich Abra­ham, Laza­rus zu ihnen zu schi­cken, um sie zu war­nen. Doch Abra­ham ant­wor­tet: »Sie haben Mose und die Pro­phe­ten, auf die sol­len sie hören« (V. 29). Und auf den Ein­wand des Rei­chen fügt er hin­zu: »Wenn sie auf Mose und die Pro­phe­ten nicht hören, wer­den sie sich auch nicht über­zeu­gen las­sen, wenn einer von den Toten auf­er­steht« (V. 31).
Auf die­se Wei­se kommt das eigent­li­che Pro­blem des Rei­chen zum Vor­schein: Die Wur­zel sei­ner Übel besteht dar­in, dass er nicht auf das Wort Got­tes hört; das hat ihn dazu gebracht, Gott nicht mehr zu lie­ben und dar­um den Nächs­ten zu ver­ach­ten. Das Wort Got­tes ist eine leben­di­ge Kraft, die imstan­de ist, im Her­zen der Men­schen die Umkehr aus­zu­lö­sen und die Per­son wie­der auf Gott hin aus­zu­rich­ten. Das Herz gegen­über dem Geschenk zu ver­schlie­ßen, das der spre­chen­de Gott ist, hat zur Fol­ge, dass sich das Herz auch gegen­über dem Geschenk ver­schließt, das der Mit­mensch ist.
Lie­be Brü­der und Schwes­tern, die öster­li­che Buß­zeit ist die güns­ti­ge Zeit, um sich zu erneu­ern in der Begeg­nung mit Chris­tus, der in sei­nem Wort, in den Sakra­men­ten und im Nächs­ten leben­dig ist. Der Herr, der in den vier­zig Tagen in der Wüs­te die List des Ver­su­chers über­wun­den hat, zeigt uns den Weg, dem wir fol­gen müs­sen. Möge der Hei­li­ge Geist uns lei­ten, einen wah­ren Weg der Umkehr zu gehen, um das Geschenk des Wor­tes Got­tes neu zu ent­de­cken, von der Sün­de, die uns blind macht, gerei­nigt zu wer­den und Chris­tus in den bedürf­ti­gen Mit­men­schen zu die­nen. Ich ermu­ti­ge alle Gläu­bi­gen, die­se geist­li­che Erneue­rung auch durch die Teil­nah­me an den Fas­ten­ak­tio­nen zum Aus­druck zu brin­gen, die vie­le kirch­li­che Orga­nis­men in ver­schie­de­nen Tei­len der Welt durch­füh­ren, um die Kul­tur der Begeg­nung in der einen Mensch­heits­fa­mi­lie zu för­dern. Beten wir für­ein­an­der, dass wir am Sieg Chris­ti Anteil erhal­ten und ver­ste­hen, unse­re Türen dem Schwa­chen und dem Armen zu öff­nen. Dann kön­nen wir die Oster­freu­de in Fül­le erle­ben und bezeu­gen.

Aus dem Vati­kan, am 18. Okto­ber 2016,
dem Fest des hei­li­gen Lukas

Fran­zis­kus