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Papst Franziskus: Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland

Brief von Papst Franziskus
An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland

Papst Franziskus, die Autor des Briefes
Papst Fran­zis­kus

(MD) Papst Fran­zis­kus hat einen Brief an das “pil­gern­de Volk Got­tes in Deutsch­land” geschrie­ben. Die­ser ist am Fest des Hl. Petrus und Pau­lus ver­öf­fent­licht wor­den – viel­leicht auch sym­bol­haft an einem sol­chen Tag, da zwei­er Chris­tus­nach­fol­ger gedacht wird, die unter­schied­li­cher kaum sein kön­nen. Papst Fran­zis­kus twit­ter­te an Ihrem Gedenk­tag:
"Die Heiligen Petrus und Paulus waren vor Gott transparent. In ihrem Leben verharrten sie bis zum Ende in dieser Demut: Sie verstanden, dass die Heiligkeit nicht darin liegt, sich selbst zu erhöhen, sondern darin, sich zu erniedrigen."
Den Brief von Papst Fran­zis­kus kön­nen Sie hier her­un­ter­la­den.
Ich über­neh­me bewusst nicht die Pres­se­mel­dung der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz, mit der die­ser Brief ver­öf­fent­licht wird.
So habe ich mir zunächst ein­mal die Zeit genom­men, die­ses Schrei­ben selbst durch­zu­le­sen. Eini­ge Stel­len des Brie­fes kom­men einem bekannt vor; Fran­zis­kus hat dafür Sor­ge getra­gen, dass in Fuß­no­ten reich­lich Quel­len­hin­wei­se ent­hal­ten sind.

Ich will nur ein Punk­te benen­nen, die ich so auf den ers­ten Blick span­nend fin­de:

Unter 3., Seite vier, schreibt der Papst:

Um die­ser Situa­ti­on zu begeg­nen, haben Eure Bischö­fe einen syn­oda­len Weg vor­ge­schla­gen. Was die­ser kon­kret bedeu­tet und wie er sich ent­wi­ckelt, wird sicher­lich noch tie­fer in Betracht gezo­gen wer­den müs­sen. Mei­ner­seits habe ich mei­ne Betrach­tun­gen zum The­ma Syn­oda­li­tät anläss­lich der Fei­er des 50-jäh­ri­gen Bestehens der Bischofs­syn­ode dar­ge­legt. Es han­delt sich im Kern um einen syn­odos, einen gemein­sa­men Weg unter der Füh­rung des Hei­li­gen Geis­tes.”
> Ich mei­ne da her­aus­zu­le­sen, dass der Papst hier fest­stellt, dass die deut­schen Bischö­fe die­sen “Syn­oda­len Weg” in einer ver­wal­tungs­tech­ni­schen Kol­le­gia­li­tät sehen, als viel­mehr den Geist wir­ken zu las­sen. Er führt das dann in sei­nem Schrei­ben noch ein bis­serl wei­ter aus.

Seite 5:

Die aktu­el­len Her­aus­for­de­run­gen sowie die Ant­wor­ten, die wir geben, ver­lan­gen im Blick auf die Ent­wick­lung eines gesun­den aggior­na­men­to «einen lan­gen Rei­fungs­pro­zess und die Zusam­men­ar­beit eines gan­zen Vol­kes über Jah­re hin­weg».
> Hin­ter die­sem Zitat steckt Yves Con­gar in “Vera e fal­sa rifor­ma nel­la Chie­sa, 259.” – ein Kon­zils­theo­lo­ge, auf den sich unser Bischof Peter Kohl­graf spe­zia­li­siert hat (Buch: “Nur eine die­nen­de Kir­che dient der Welt”).

Nr. 5, Seite 6 und 7:

(…) eine der ers­ten und größ­ten Ver­su­chun­gen im kirch­li­chen Bereich dar­in bestehe zu glau­ben, dass die Lösun­gen der der­zei­ti­gen und zukünf­ti­gen Pro­ble­me aus­schließ­lich auf dem Wege der Reform von Struk­tu­ren, Orga­ni­sa­tio­nen und Ver­wal­tung zu errei­chen sei, dass die­se aber schluss­end­lich in kei­ner Wei­se die vita­len Punk­te berüh­ren, die eigent­lich der Auf­merk­sam­keit bedür­fen. «Es han­delt sich um eine Art neu­en Pela­gia­nis­mus, der dazu führt, unser Ver­trau­en auf die Ver­wal­tung zu set­zen, auf den per­fek­ten Appa­rat. Eine über­trie­be­ne Zen­tra­li­sie­rung kom­pli­ziert aber das Leben der Kir­che und ihre mis­sio­na­ri­sche Dyna­mik, anstatt ihr zu hel­fen (vgl. Evan­ge­lii gau­di­um)».”
> Ja, da den­ke ich an den Bis­tums­pro­zess in uns­rem Bis­tum Mainz. Es wird sich zwar red­lich bemüht eine geist­li­che Kom­po­nen­te in den Vor­der­grund zu stel­len, aber eben die­se Gesprä­che über die Struk­tu­ren und Zen­tra­li­sie­rung ste­hen doch sehr im Vor­der­grund.

Nr. 6, Seite 8:

Daher erscheint es mir wich­tig, das nicht aus den Augen zu ver­lie­ren, was «die Kir­che wie­der­holt gelehrt hat, dass wir nicht durch unse­re Wer­ke oder unse­re Anstren­gun­gen gerecht­fer­tigt wer­den, son­dern durch die Gna­de des Herrn, der die Initia­ti­ve ergreift». Ohne die­se Dimen­si­on der gött­li­chen Tugen­den lau­fen wir Gefahr, in den ver­schie­de­nen Erneue­rungs­be­stre­bun­gen das zu wie­der­ho­len, was heu­te die kirch­li­che Gemein­schaft dar­an hin­dert, die barm­her­zi­ge Lie­be Got­tes zu ver­kün­di­gen.
(…) Sooft eine kirch­li­che Gemein­schaft ver­sucht hat, allei­ne aus ihren Pro­ble­men her­aus­zu­kom­men, und ledig­lich auf die eige­nen Kräf­te, die eige­nen Metho­den und die eige­ne Intel­li­genz ver­trau­te, ende­te das dar­in, die Übel, die man über­win­den woll­te, noch zu ver­meh­ren und auf­recht­zu­er­hal­ten.”
> Und dann, weil es mir eine der Schlüs­sel­aus­sa­gen von Papst Fran­zis­kus auch in Bezug auf uns­ren Bis­tums­pro­zess erscheint, Sei­te 9:
“Das gegen­wär­ti­ge Bild der Lage erlaubt uns nicht, den Blick dafür zu ver­lie­ren, dass unse­re Sen­dung sich nicht an Pro­gno­sen, Berech­nun­gen oder ermu­ti­gen­den oder ent­mu­ti­gen­den Umfra­gen fest­macht, und zwar weder auf kirch­li­cher, noch auf poli­ti­scher, öko­no­mi­scher oder sozia­ler Ebe­ne und eben­so wenig an erfolg­rei­chen Ergeb­nis­sen unse­rer Pas­to­ral­pla­nun­gen. Alles das ist von Bedeu­tung, auch die­se Din­ge zu wer­ten, hin­zu­hö­ren, aus­zu­wer­ten und zu beach­ten; in sich jedoch erschöpft sich dar­in nicht unser Gläu­big-Sein. Unse­re Sen­dung und unser Daseins­grund wur­zelt dar­in, dass «Gott die Welt so sehr geliebt hat, dass er sei­nen ein­zi­gen Sohn dahin­gab, damit alle, die an ihn glau­ben, nicht ver­lo­ren gehen, son­dern das ewi­ge Leben haben» (Joh 3,16).
«Ohne neu­es Leben und ech­ten, vom Evan­ge­li­um inspi­rier­ten Geist, ohne „Treue der Kir­che gegen­über ihrer eige­nen Beru­fung“ wird jeg­li­che neue Struk­tur in kur­zer Zeit ver­der­ben». Des­halb kann der bevor­ste­hen­de Wand­lungs­pro­zess nicht aus­schließ­lich reagie­rend auf äuße­re Fak­ten und Not­wen­dig­kei­ten ant­wor­ten, wie es zum Bei­spiel der star­ke Rück­gang der Gebur­ten­zahl und die Über­al­te­rung der Gemein­den sind, die nicht erlau­ben, einen nor­ma­len Genera­tio­nen­wech­sel ins Auge zu fas­sen. Objek­ti­ve und gül­ti­ge Ursa­chen wür­den jedoch, wer­den sie iso­liert vom Geheim­nis der Kir­che betrach­tet, eine ledig­lich reak­ti­ve Hal­tung – sowohl posi­tiv wie nega­tiv – begüns­ti­gen und anre­gen. Ein wah­rer Wand­lungs­pro­zess beant­wor­tet, stellt aber zugleich auch Anfor­de­run­gen, die unse­rem Christ-Sein und der urei­ge­nen Dyna­mik der Evan­ge­li­sie­rung der Kir­che ent­sprin­gen; ein sol­cher Pro­zess ver­langt eine pas­to­ra­le Bekeh­rung. Wir wer­den auf­ge­for­dert, eine Hal­tung ein­zu­neh­men, die dar­auf abzielt, das Evan­ge­li­um zu leben und trans­pa­rent zu machen, indem sie mit «dem grau­en Prag­ma­tis­mus des täg­li­chen Lebens der Kir­che bricht, in dem anschei­nend alles nor­mal abläuft, aber in Wirk­lich­keit der Glau­be nach­lässt und ins Schä­bi­ge absinkt». Pas­to­ra­le Bekeh­rung ruft uns in Erin­ne­rung, dass die Evan­ge­li­sie­rung unser Leit­kri­te­ri­um schlecht­hin sein muss, unter dem wir alle Schrit­te erken­nen kön­nen, die wir als kirch­li­che Gemein­schaft geru­fen sind in Gang zu set­zen geru­fen sind; Evan­ge­li­sie­ren bil­det die eigent­li­che und wesent­li­che Sen­dung der Kir­che.”
> Das ist für mich ein wesent­li­cher Punkt: Wir müs­sen ler­nen, das Evan­ge­li­um zu leben und trans­pa­rent zu machen. Wir sind doch zu einer Hoff­nung in Jesus Chris­tus beru­fen!

Nr. 7. Seite 11:

Ver­stim­mung, Apa­thie, Bit­ter­keit, Kri­tik­sucht sowie Trau­rig­keit sind kei­ne guten Zei­chen oder Rat­ge­ber; viel­mehr gibt es Zei­ten in denen «die Trau­rig­keit mit­un­ter mit Undank­bar­keit zu tun hat: Man ist so in sich selbst ver­schlos­sen, dass man unfä­hig wird, die Geschen­ke Got­tes anzu­er­ken­nen»”

Nr. 8, Seite 11:

Des­halb muss unser Haupt­au­gen­merk sein, wie wir die­se Freu­de mit­tei­len: indem wir uns öff­nen und hin­aus­ge­hen, um unse­ren Brü­dern und Schwes­tern zu begeg­nen, beson­ders jenen, die an den Schwel­len unse­rer Kir­chen­tü­ren, auf den Stra­ßen, in den Gefäng­nis­sen, in den Kran­ken­häu­sern, auf den Plät­zen und in den Städ­ten zu fin­den sind. Der Herr drück­te sich klar aus: «Sucht aber zuerst sein Reich und sei­ne Gerech­tig­keit; dann wird euch alles ande­re dazu­ge­ge­ben» (Mt 6,33).”

Nr. 9, Seite 12:

Die Aus­füh­run­gen zur Welt­kir­che <–> Teil­kir­chen lenkt den Blick auf den “Sen­sus Eccle­siae”, dem ‘tie­fen Kir­chen­sinn’:
“Der Sen­sus Eccle­siae befreit uns von Eigen­brö­te­lei und ideo­lo­gi­schen Ten­den­zen, um uns einen Geschmack die­ser Gewiss­heit des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils zu geben, als es bekräf­tig­te, dass die Sal­bung des Hei­li­gen (vgl. 1 Joh 2,20. 27) zur Gesamt­heit der Gläu­bi­gen gehört. Die Gemein­schaft mit dem hei­li­gen und treu­en Volk Got­tes, dem Trä­ger der Sal­bung, hält die Hoff­nung und die Gewiss­heit am Leben, dass der Herr an unse­rer Sei­te wan­delt und dass er es ist, der unse­re Schrit­te stützt.

Nr. 10, Seite 15:

Des­halb ach­tet auf­merk­sam auf jede Ver­su­chung, die dazu führt, das Volk Got­tes auf eine erleuch­te­te Grup­pe redu­zie­ren zu wol­len, die nicht erlaubt, die unschein­ba­re, zer­streu­te­Hei­lig­keit zu sehen, sich an ihr zu freu­en und dafür zu dan­ken. Die­se Hei­lig­keit, die da lebt «im gedul­di­gen Volk Got­tes: in den Eltern, die ihre Kin­der mit so viel Lie­be erzie­hen, in den Män­nern und Frau­en, die arbei­ten, um das täg­li­che Brot nach Hau­se zu brin­gen, in den Kran­ken, in den älte­ren Ordens­frau­en, die wei­ter lächeln. In die­ser Bestän­dig­keit eines tag­täg­li­chen Vor­an­schrei­tens sehe ich die Hei­lig­keit der strei­ten­den Kir­che. Oft ist das die Hei­lig­keit „von neben­an“, derer, die in unse­rer Nähe woh­nen und die ein Wider­schein der Gegen­wart Got­tes sind».”

Nr. 12, Seite 18:

Im Grun­de genom­men ermög­li­chen uns die­se Geis­tes­hal­tun­gen – wah­re geist­li­che Heil­mit­tel (Gebet, Buße und Anbe­tung) –, noch ein­mal zu erfah­ren, dass Christ-Sein bedeu­tet, sich selig und geseg­net und somit Trä­ger der Glück­se­lig­keit für die ande­ren zu wis­sen. Christ-Sein bedeu­tet, der Kir­che der Selig­prei­sun­gen für die Selig­ge­prie­se­nen von heu­te anzu­ge­hö­ren: die Armen, die Hung­ri­gen, die Wei­nen­den, die Gehass­ten, die Aus­ge­schlos­se­nen und die Beschimpf­ten (vgl. Lk 6,20–23). Ver­ges­sen wir nicht: «In den Selig­prei­sun­gen zeigt der Herr uns den Weg. Wenn wir den Weg der Selig­prei­sun­gen gehen, kön­nen wir zum wahrs­ten mensch­li­chen und gött­li­chen Glück gelan­gen. Die Selig­prei­sun­gen sind der Spie­gel, der uns mit einem Blick dar­auf kund­tut, ob wir auf einem rich­ti­gen Weg gehen: Die­ser Spie­gel­lügt nicht»!”

Nr. 13, Schlussformel:

Sei­ne Lie­be «erlaubt uns, das Haupt zu erhe­ben und neu zu begin­nen. Flie­hen wir nicht vor der Auf­er­ste­hung Jesu, geben wir uns nie­mals geschla­gen, was auch immer gesche­hen mag.
Nichts soll stär­ker sein als sein Leben, das uns vor­an­treibt!»”
> Amen!
Durch­aus eine gelun­ge­ne Sonn­tags­lek­tü­re, die uns Papst Fran­zis­kus hat zukom­men las­sen, wenn auch ohne Über­ra­schun­gen.

Statement von Bischof Kohlgraf:

Sehr geehr­te, lie­be Schwes­tern und Brü­der,
Papst Fran­zis­kus hat an alle Gläu­bi­gen der katho­li­schen Kir­che in Deutsch­land zum heu­ti­gen Datum einen Brief geschrie­ben, den ich Ihnen ger­ne wei­ter­ge­be. Hin­ter­grund sind die Pla­nun­gen eines „Syn­oda­len Weges“, den die Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz zusam­men mit dem Zen­tral­ko­mi­tee der deut­schen Katho­li­ken geplant hat und mit Ihnen, dem Volk Got­tes, gemein­sam gehen will. Ich sehe in den Aus­sa­gen des Paps­tes über den Blick auf den „Syn­oda­len Weg“ hin­aus auch wich­ti­ge Wei­sun­gen für unse­ren „Pas­to­ra­len Weg“ im Bis­tum Mainz. Daher emp­feh­le ich das Schrei­ben des Paps­tes der auf­merk­sa­men Lek­tü­re und ermu­ti­ge, sei­ne The­men in unse­ren Gesprä­chen auf­zu­grei­fen und zu beher­zi­gen.

Allen, die sich in den Urlaub auf­ma­chen, wün­sche ich eine geseg­ne­te und erhol­sa­me Zeit, Ihnen allen Got­tes Segen.

Ihr
Peter Kohl­graf
Bischof von Mainz”
> Auch dem ist nichts hin­zu­zu­fü­gen: Fro­he Urlaubs­zeit.

Pastoraler Weg im Bistum Mainz eröffnet. Predigt von Bischof Peter Kohlgraf zum Pfingstsonntag 2019

Pastoraler Weg im Bistum Mainz:
Predigt von Bischof Kohlgraf zum Pfingstsonntag 2019

Bischof Kohl­graf hat im Got­tes­dienst zum Pfingst­fest 2019 eine Pre­digt zum Pas­to­ra­len Weg im Bis­tum Mainz (“Eine Kir­che des Tei­lens wer­den”) gehal­ten. Im Fol­gen­den geben wir den Wort­laut der Pre­digt des Main­zer Bischofs wider und laden ein, sich auf die Impul­se des Bischofs ein­zu­las­sen:

Alle waren zusam­men am sel­ben Ort“ so beginnt die Pfingst­ge­schich­te. Eigent­lich läuft alles rund. Jesus ist von den Toten auf­er­stan­den, die­ser Glau­be führt die Jün­ger zusam­men. Sie haben sogar schon begon­nen, die Gemein­de zu orga­ni­sie­ren. Im Kapi­tel vor­her wird von der Wahl des Apos­tels Mat­thi­as erzählt. Das heißt, wir haben eine Gemein­de vor uns, die sich ver­sam­melt, die betet, die ihre Lei­tungs­äm­ter vor­wei­sen kann, und die aus der Erfah­rung lebt, dass Jesus auf­er­stan­den ist. Sie hat einen fes­ten Ort, an dem sie sich trifft, die Grup­pe gibt den Jün­gern Halt und die Erfah­rung einer engen Gemein­schaft im Glau­ben. Es sind weni­ge, aber sie sind immer­hin die Aus­er­wähl­ten, die, wel­che Jesus gefolgt sind und die jetzt in sei­ner Gegen­wart leben. Viel­leicht erzäh­len sie sich immer wie­der von den guten alten Zei­ten, als sie mit Jesus unter­wegs waren. Wel­che groß­ar­ti­gen Gesprä­che führ­ten sie damals, wie groß­ar­tig waren die Wun­der, die Jesus wirk­te, und nun die Auf­er­ste­hung!

Sie ver­har­ren „ein­mü­tig im Gebet“.

Aber wor­um beten sie?
Viel­leicht ist ihr Gebet eine Kon­takt­auf­nah­me mit dem Auf­er­stan­de­nen, es ist ein ruhi­ges Ver­har­ren in sei­ner Gegen­wart. Ob die Grup­pe der Jün­ge­rin­nen und Jün­ger sorg­los in den Tag gelebt hat? Wir wis­sen es nicht, aber wir spü­ren, trotz der geord­ne­ten Abläu­fe, dass eine Initi­al­zün­dung fehlt.
Eine glau­ben­de, beten­de Kir­che, die Jesus in ihrer Mit­te weiß, die ihre Gemein­schaft genießt, die von den guten frü­he­ren Zei­ten redet, die sich orga­ni­siert: Ich erken­ne auch unse­re Kir­che und unse­re Gemein­den dar­in wie­der.

Offen­bar ist das noch nicht die Art von Kir­che, die der Auf­er­stan­de­ne sich vor­stellt. Da kommt plötz­lich die Initi­al­zün­dung: wie ein Brau­sen, ein Feu­er, ein Sturm.
Ich erin­ne­re mich an ein Bild­wort des Paps­tes (LINK):

Jesus klopft von innen an die Türen unse­rer Kir­che, damit wir ihn end­lich her­aus­kom­men las­sen1.

Die­ser Auf­bruch ist nicht orga­ni­siert, son­dern wird in den Jün­ge­rin­nen und Jün­gern vom Geist Got­tes selbst bewirkt. Man hat nicht den Ein­druck, dass den Jün­gern etwas ande­res übrig­bleibt, als sich bewe­gen zu las­sen. Was ihnen wohl durch den Kopf gegan­gen ist, in die­sem Augen­blick? „End­lich bewegt sich etwas?“ oder: „Es war gera­de so schön?“ oder: „Was soll das denn jetzt“? oder „Groß­ar­tig, was wir hier spü­ren!“ oder viel­leicht auch Angst: „Was geschieht mit uns?“. Eines kön­nen wir sicher sagen: Sie spü­ren, dass da etwas Neu­es beginnt, eine neue Form von Gemein­schaft, eine ande­re, grö­ße­re Art von Kir­che als die, die sie machen, pla­nen, orga­ni­sie­ren kön­nen. Es beginnt ein Weg, des­sen Ende nicht abseh­bar ist, aber an des­sen Beginn sie wohl spü­ren, dass sie zu die­sem Weg bewegt wer­den, nicht aus eige­nem Antrieb, son­dern vom Geist Got­tes selbst, der brennt, der stürmt, der bewegt.

Fin­den wir uns in den weni­gen Jün­ge­rin­nen und Jün­gern von damals wie­der?
Wie damals befin­den wir uns am Anfang eines Auf­bruchs aus der Sicher­heit des geschlos­se­nen Rau­mes, der bekann­ten Grup­pe, der Gemüt­lich­keit, die wir uns über die ver­gan­ge­nen Jah­re und Jahr­zehn­te ein­ge­rich­tet haben, schein­bar gute und manch­mal wirk­lich gute Jah­re und Situa­tio­nen. Wir spü­ren viel­leicht weni­ger das Wehen des Geis­tes, als die Not­wen­dig­keit, auf die Zei­chen der Zeit zu reagie­ren. Ein Theo­lo­ge (Marie Domi­ni­que Chenu OP) hat aber die­se „Zei­chen der Zeit“ als eine „Tat­sa­che, die etwas offen­bart“ bezeich­net, als etwas, das uns zwingt, neu zu sehen, Gewohn­tes zu durch­bre­chen. Viel­leicht soll­ten wir die Zeit und ihre Her­aus­for­de­run­gen an die Kir­che in ers­ter Linie nicht als Zeit des Abbruchs, son­dern auch als Zeit des Auf­bruchs, der Neu­ori­en­tie­rung sehen, in die uns der Geist heu­te hin­ein­führt. Sicher haben sich die Gläu­bi­gen damals wie wir heu­te auch Sor­gen gemacht. Eine Opti­on gibt ihnen der Geist jedoch nicht: die Opti­on, hin­ter den Türen sit­zen zu blei­ben und es sich wei­ter bequem zu machen.

Ich den­ke an den Work­sh­op­tag ver­gan­ge­ne Woche zurück. 300 Gläu­bi­ge haben sich dem Auf­bruch gestellt. Ich bin dank­bar für so viel Bereit­schaft zum Auf­bruch, aber auch für den Rea­lis­mus und die berech­tig­ten Fra­gen. Es wer­den vie­le klei­ne Auf­brü­che fol­gen, die wir heu­te noch gar nicht abse­hen kön­nen. Bit­ten wir den Geist, dass er uns vor der Ver­su­chung bewahrt, uns ängst­lich ein­zuigeln in das Gewohn­te allein. Auch vor der Ver­su­chung zu mei­nen, wenn alles gut orga­ni­siert ist, läuft es dann wie­der rund. Der Geist bleibt hof­fent­lich immer für Über­ra­schun­gen gut. Es wird auch Zeit brau­chen zu fra­gen, die Sor­gen zu tei­len und auch zu trau­ern. Auf­bruch, Sturm und Feu­er lösen auch Schmer­zen aus. In den Gesprä­chen nicht nur letz­te Woche war auch dies zu spü­ren. Aber ich mei­ne, dass vie­le Men­schen auch spü­ren:
Eine Kir­che, die nur gut ver­wal­tet, orga­ni­siert und rund läuft, muss zuse­hen, dass sie kei­ne „geist“-lose Kir­che wird.

Auf jede und jeden ließ sich eine Feu­er­zun­ge nie­der.

Die Apos­tel­ge­schich­te über­lie­fert die Erfah­rung einer Gemein­de, in der jeder und jede eine Geis­tes­ga­be ein­brin­gen kann. Alle Getauf­ten sind „Geist­li­che“, nicht nur die sakra­men­tal geweih­ten Dia­ko­ne, Pries­ter und Bischö­fe. Längst hat sich die­ses Bewusst­sein noch nicht durch­ge­setzt. Der Apos­tel Pau­lus sieht das Amt des Lei­ters einer Gemein­de als ein Cha­ris­ma im Zusam­men­spiel mit den ande­ren. Die­ses Bewusst­sein gilt es neu zu ent­wi­ckeln und zu ver­tie­fen. Beim Work­sh­op­tag wur­de die­ser Auf­trag als die größ­te Her­aus­for­de­rung her­aus­ge­stellt: Ver­ant­wor­tung tei­len als Neu­ent­de­ckung eines bibli­schen Gemein­de­ver­ständ­nis­ses. Auch heu­te sind Men­schen der Bewe­gung Maria 2.0 hier, die deut­lich die Anlie­gen zahl­rei­cher Gläu­bi­gen ein­brin­gen mit der For­de­rung, sie ernst zu neh­men und es nicht bei Wor­ten zu belas­sen. Haupt­amt­li­che und Pries­ter fra­gen dane­ben nach ihrer zukünf­ti­gen Rol­le.

Wir wer­den auf dem Pas­to­ra­len Weg auch über Model­le geteil­ter Lei­tung reden und sicher auch Wege fin­den, die für uns pas­sen. Ich kann alle nur bit­ten, sich dem offe­nen Gespräch dar­über zu stel­len und dem Geist etwas zuzu­trau­en und den Bru­der und die Schwes­ter im Glau­ben als Trä­ge­rin oder Trä­ger des Geis­tes zu sehen und zu behan­deln. Viel­leicht ent­de­cken wir längst ver­schüt­te­te Diens­te in den Gemein­den wie­der, die wir in den Pau­lus­brie­fen fin­den: Leh­re­rin­nen und Leh­rer, Pro­phe­tin­nen und Pro­phe­ten, Men­schen, die hei­len kön­nen.
Ein Bild von Kir­che und Gemein­de scheint mir in kei­nem Fall zukunfts­träch­tig zu sein:
Das Bild einer Kir­che, die aus­schließ­lich aus Haupt und Füßen besteht, aus Lei­tung und „Fuß­volk“. Manch­mal ist die Kir­che zu einem Gebil­de mutiert, „das statt aus ver­schie­de­nen Glie­dern prak­tisch nur noch aus zwei­en besteht: aus dem Haupt, von dem alle Lebens­re­gun­gen aus­ge­hen und das Recht und Pflicht hat zu gebie­ten, und aus den Füßen, die dazu da sind, zu die­nen und zu gehor­chen“. Nein, damals wie heu­te lässt sich der Geist auf jede und jeden von ihnen nie­der.

Jeder hör­te sie in sei­ner Spra­che reden.

Natür­lich ist dies ein star­kes Bekennt­nis zu einer Welt­kir­che, die alle Gren­zen über­win­det. Wir dür­fen auf unse­rem Pas­to­ra­len Weg die ver­schie­de­nen Gemein­den und Kirch­or­te zusam­men­den­ken und ins Gespräch brin­gen, die unter­schied­li­chen Spra­chen und Erfah­run­gen. Tat­säch­lich gehö­ren zu unse­rem Bis­tum 25 Pro­zent Gläu­bi­ge ande­rer Mut­ter­spra­che. Ein­an­der in den Blick zu neh­men, zu ver­ste­hen, Gemein­schaft zu bil­den statt zu iso­lie­ren, ist unser Weg aller Gemein­den und Kirch­or­te. Die­ser Satz ist ein star­kes Bekennt­nis zur Fähig­keit des Geis­tes Got­tes, Men­schen zu einem Zeug­nis und einer Spra­che zu befä­hi­gen, die ver­stan­den wer­den und die Men­schen zusam­men­brin­gen, anstatt Mau­ern zu errich­ten. Glau­ben tei­len geht nur, indem wir Leben tei­len.

Nicht erst beim Work­sh­op­tag haben wir ange­fan­gen, dar­über nach­zu­den­ken, was das kon­kret hei­ßen muss. Glau­ben tei­len ist ein Bezie­hungs­ge­sche­hen, kei­ne Ein­bahn­stra­ße, so hieß es in einer Gesprächs­grup­pe. Der Pas­to­ra­le Weg ist erst in zwei­ter Linie ein Struk­tur­pro­zess, das will ich erneut beto­nen. In ers­ter Linie ist er die gemein­sa­me Suche nach guten, auch neu­en Begeg­nungs­for­men mit den vie­len Men­schen unse­rer Zeit.
Es geht um Evan­ge­li­sie­rung, das heißt um das Bemü­hen, die Lebens­welt unse­rer Zeit durch das geleb­te und bezeug­te Evan­ge­li­um zu durch­drin­gen. Zu die­sem Ziel müs­sen die Jün­ger in Jeru­sa­lem den engen Kreis auf­bre­chen und wei­ten. Es geht um Zeug­nis, Bezie­hung, Sen­dung = Mis­si­on. Dafür müs­sen wir die The­men und Fra­gen der Men­schen ken­nen und zu unse­ren machen (vgl. Gau­di­um et Spes 1). Es gibt eine Kari­ka­tur, die zwei Figu­ren neben­ein­an­der zeigt. Die eine sagt: „Jesus ist die Ant­wort“, die ande­re: „Ja, aber was war die Fra­ge?“ So darf kirch­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on nicht aus­se­hen. Die Fra­gen neu zu hören, um Jesus als Ant­wort anbie­ten zu kön­nen, dar­in sehe ich das vor­ran­gi­ge Ziel des Pas­to­ra­len Weges.
Wir dür­fen nicht, auch wenn die The­men zeit­lich par­al­lel lau­fen, das Zwei­te zum Ers­ten machen.

Schließ­lich habe ich eine gro­ße Hoff­nung:
In den letz­ten Mona­ten haben mich immer wie­der Men­schen ange­spro­chen und von „mei­nem“ Pas­to­ra­len Weg gespro­chen, also vom Pas­to­ra­len Weg als dem Weg des Bischofs. Wenn wir es schaf­fen, von „unse­rem“ Pas­to­ra­len Weg zu reden und ihn auch zu unse­rem Her­zens­an­lie­gen zu machen, kann es gelin­gen.
Ich bit­te alle, in Glau­ben und Ver­trau­en die Türen auf­zu­ma­chen und auf­zu­bre­chen. In allem möge uns der Hei­li­ge Geist bewe­gen, moti­vie­ren und lei­ten.

1. aus Ber­go­gli­os Rede zum Vor­kon­kla­ve, Anfang März 2013:
(…) 2. Wenn die Kir­che nicht aus sich selbst her­aus­geht, um das Evan­ge­li­um zu ver­kün­den, kreist sie um sich selbst. Dann wird sie krank (vgl. die gekrümm­te Frau im Evan­ge­li­um). Die Übel, die sich im Lau­fe der Zeit in den kirch­li­chen Insti­tu­tio­nen ent­wi­ckeln, haben ihre Wur­zel in die­ser Selbst­be­zo­gen­heit. Es ist ein Geist des theo­lo­gi­schen Nar­ziss­mus.
In der Offen­ba­rung sagt Jesus, dass er an der Tür steht und anklopft. In dem Bibel­text geht es offen­sicht­lich dar­um, dass er von außen klopft, um her­ein­zu­kom­men … Aber ich den­ke an die Male, wenn Jesus von innen klopft, damit wir ihn her­aus­kom­men las­sen. Die ego­zen­tri­sche Kir­che bean­sprucht Jesus für sich drin­nen und lässt ihn nicht nach außen tre­ten.

3. Die um sich selbst krei­sen­de Kir­che glaubt – ohne dass es ihr bewusst wäre – dass sie eige­nes Licht hat. Sie hört auf, das “Geheim­nis des Lichts” zu sein, und dann gibt sie jenem schreck­li­chen Übel der «geist­li­chen Mon­dä­ni­tät» Raum (nach Wor­ten de Lub­acs das schlimms­te Übel, was der Kir­che pas­sie­ren kann). Die­se (Kir­che) lebt, damit die einen die ande­ren beweih­räu­chern.
Ver­ein­facht gesagt: Es gibt zwei Kir­chen­bil­der: die ver­kün­den­de Kir­che, die aus sich selbst hin­aus­geht, die das “Wort Got­tes ehr­fürch­tig ver­nimmt und getreu ver­kün­det”; und die mon­dä­ne Kir­che, die in sich, von sich und für sich lebt.
Dies muss ein Licht auf die mög­li­chen Ver­än­de­run­gen und Refor­men wer­fen, die not­wen­dig sind für die Ret­tung der See­len.

Hirtenwort & Videobotschaft von Bischof Kohlgraf zur Fastenzeit 2019

Eine Kirche, die teilt

Hirtenwort des Bischofs von Mainz, Peter Kohlgraf, zur österlichen Bußzeit 2019

Lie­be Schwes­tern, lie­be Brü­der im Bis­tum Mainz!
Ihnen allen wün­sche ich eine geseg­ne­te Zeit der Vor­be­rei­tung auf das Oster­fest.
Mögen die kom­men­den Wochen uns hel­fen, den Blick für das Wesent­li­che im Leben und im Glau­ben zu schär­fen.
Die­sen Blick für das Wesent­li­che brau­chen wir auch in unse­rem kirch­li­chen All­tag. Im Bis­tum Mainz wer­den wir in die­sen Wochen inten­siv einen pas­to­ra­len Weg begin­nen, der sowohl auf die gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen ein­ge­hen muss als auch auf die Fra­ge, was die Men­schen heu­te von der Kir­che brau­chen.

Der Weg, den wir begin­nen, steht damit unter einer geist­li­chen Fra­ge­stel­lung:

Wie gelingt es uns, die Bot­schaft des Evan­ge­li­ums mit den vie­len Men­schen ins Gespräch zu brin­gen, beson­ders auch mit denen, die nicht zu unse­ren „Kern­krei­sen“ gehö­ren?

Dafür müs­sen wir uns selbst ver­ge­wis­sern, wel­che Moti­va­ti­on uns lei­tet, heu­te die Kir­che Jesu Chris­ti sein zu wol­len und wor­in heu­te unser Auf­trag besteht.

Die sich dar­aus erge­ben­den Struk­tur­über­le­gun­gen haben nur dann einen Sinn, wenn sie tat­säch­lich die Fol­ge einer der­ar­ti­gen geist­li­chen Ori­en­tie­rung sind.

Bereits im ver­gan­ge­nen Jahr habe ich in mei­nem Fas­ten­hir­ten­brief das Tei­len nach dem Vor­bild unse­res Bis­tums­pa­trons, des hei­li­gen Mar­tin, als Leit­mo­tiv ein­ge­führt.

In den kon­kre­ten Ide­en für den künf­ti­gen pas­to­ra­len Weg, die ich im Sep­tem­ber 2018 der Diö­ze­san­ver­samm­lung vor­stel­len konn­te, habe ich das Tei­len zur Grund­la­ge für die Kir­che im Bis­tum Mainz gemacht.
In der Apos­tel­ge­schich­te beschreibt der Evan­ge­list Lukas ein Ide­al­bild der ers­ten Gemein­de in Jeru­sa­lem: „Und alle, die glaub­ten, waren an dem­sel­ben Ort und hat­ten alles gemein­sam. Sie ver­kauf­ten Hab und Gut und teil­ten davon allen zu, jedem so viel, wie er nötig hat­te. Tag für Tag ver­harr­ten sie ein­mü­tig im Tem­pel, bra­chen in ihren Häu­sern das Brot und hiel­ten mit­ein­an­der Mahl in Freu­de und Lau­ter­keit des Her­zens. Sie lob­ten Gott und fan­den Gunst beim gan­zen Volk. Und der Herr füg­te täg­lich ihrer Gemein­schaft die hin­zu, die geret­tet wer­den soll­ten. (Apg 2,44–47)
Tat­säch­lich klingt das sehr ide­al, viel­leicht unrea­lis­tisch.

Liest man eini­ge Kapi­tel wei­ter, ver­schweigt uns Lukas auch die Schwie­rig­kei­ten nicht. Den­noch lohnt es sich, dass wir uns auch heu­te an die­sem Ide­al der Urge­mein­de mes­sen.

Wir sehen in Jeru­sa­lem eine Gemein­de, die das Leben, den Glau­ben, die Res­sour­cen und schließ­lich die Ver­ant­wor­tung teilt.
Für unse­ren künf­ti­gen Weg möch­te ich die­se vier Aspek­te des Tei­lens ent­fal­ten.

1. Leben teilen

Ich weiß um die Bedeu­tung einer kirch­li­chen Prä­senz vor Ort. Die Kir­che und die Men­schen, die sie prä­gen, müs­sen erreich­bar sein. Ich tei­le die Sor­ge man­cher Men­schen, dass sich die Kir­che aus der Flä­che zurück­zieht. Es wird auf die Men­schen ankom­men, die ihren Glau­ben in den Dör­fern und Stadt­tei­len, in den Gemein­den, Ver­bän­den, in der Cari­tas, im Ehren­amt und in den vie­len kirch­li­chen Orten leben, dass das Evan­ge­li­um Hand und Fuß bekommt und erfahr­bar bleibt.

Die sin­ken­de Zahl der Pries­ter, Dia­ko­ne und der haupt­amt­li­chen Seel­sor­ge­rin­nen und Seel­sor­ger erin­nert uns bei allen Schwie­rig­kei­ten dar­an, dass die Beru­fung, den Glau­ben zu leben und zu bezeu­gen, an alle Getauf­ten ergeht.

Als Chris­tin­nen und Chris­ten ste­hen wir als Teil die­ser Welt in vie­len Bezü­gen, wir leben Gemein­schaft mit vie­len Men­schen. Wenn wir hier mit offe­nen Ohren und einem wachen Ver­stand die­se Bezie­hun­gen gestal­ten, wer­den wir zu Exper­tin­nen und Exper­ten, die „Freu­de und Hoff­nung, Trau­er und Angst der Men­schen von heu­te“, wie es das II. Vati­ka­ni­sche Kon­zil for­mu­liert, wahr­neh­men. Leben tei­len meint, Men­schen zu sein, die ihre Bezie­hun­gen aus dem Geist des Evan­ge­li­ums her­aus gestal­ten, in Respekt, Inter­es­se, Wert­schät­zung und Lie­be allen Men­schen gegen­über. Die The­men die­ser Welt und ihrer Men­schen wer­den so zu The­men in der Kir­che.

Wenn uns das gelingt, dann beu­gen wir auch der Gefahr vor, dass wir zu sehr um unse­re bin­nen­kirch­li­chen The­men krei­sen, die vie­le Men­schen nicht mehr als rele­vant erle­ben, und dass wir eine Spra­che spre­chen, die for­mel­haft und nichts­sa­gend wird. Wer Leben teilt, ver­sucht zu ver­ste­hen, was für den ande­ren Men­schen wich­tig ist. Er wird vor­sich­ti­ger im mora­li­schen Urteil über ande­re, ohne belie­big zu wer­den.

Auch die Kir­che wird nur dann in ihren Idea­len und ethi­schen Grund­hal­tun­gen ernst genom­men, wenn sie zeigt, dass sie die Men­schen kennt und nicht nur abs­trak­te Nor­men wie­der­holt. Leben tei­len muss in Zukunft bedeu­ten, dass wir die vie­len kirch­li­chen Ange­bo­te, unse­re Gemein­den, Schu­len, Kin­der­ta­ges­stät­ten, Ver­bän­de, Cari­tas­ein­rich­tun­gen, Gemein­den ande­rer Mut­ter­spra­che, Klös­ter und die vie­len ande­ren ins Gespräch brin­gen. Denn sie alle brin­gen eige­ne Erfah­run­gen und Wahr­neh­mun­gen mit, die unver­zicht­bar sind, um den Men­schen gerecht wer­den zu kön­nen. Leben tei­len heißt, die Ver­säu­lun­gen und Ver­ein­ze­lun­gen kirch­li­cher Ange­bo­te auf­zu­bre­chen, um den gemein­sa­men Auf­trag in der Nach­fol­ge Jesu für die Men­schen unse­rer Zeit bes­ser erken­nen zu kön­nen. Wie in der Urge­mein­de in Jeru­sa­lem geht es um eine Kul­tur der Ein­mü­tig­keit, in der sich alle Men­schen in der Kir­che in ihrer Viel­falt einem gemein­sa­men Dienst ver­pflich­tet wis­sen. Das Behar­ren auf der eige­nen Wahr­heit, dem eige­nen Nut­zen, dem eige­nen Inter­es­se       allein ver­hin­dert die Ver­kün­di­gung des Evan­ge­li­ums.

2. Glauben teilen

Die Gemein­de in Jeru­sa­lem wäre nicht zu den­ken ohne das gemein­sa­me Gebet, den Glau­ben an den auf­er­stan­de­nen Chris­tus, der im Wort und im Sakra­ment in der Gemein­de und der Kir­che lebt. Die­ser Glau­be muss uns die wich­tigs­te gemein­sa­me Basis sein. Hier­aus erge­ben sich vie­le bedeu­ten­de The­men. Die Fra­ge, wie wir den Glau­ben wei­ter­ge­ben kön­nen, muss eine drän­gen­de Fra­ge sein, die vor allen ande­ren The­men steht.

Die Fami­li­en sind der ers­te Ort der Glau­bens­er­fah­rung. In unse­ren Gemein­den errei­chen wir in der Erst­kom­mu­ni­on­vor­be­rei­tung, der Firm­ka­te­che­se, in den Tauf­ge­sprä­chen, in der Trau­er­be­glei­tung und der Ehe­vor­be­rei­tung sehr vie­le Men­schen. An man­chen Orten hat man auf die sich ver­än­dern­de Glau­bens­si­tua­ti­on in unse­rer Welt reagiert. Ich bin davon über­zeugt, dass man heu­te kei­ne Erst­kom­mu­ni­on­vor­be­rei­tung ohne Eltern­ka­te­che­se machen kann, wenn man auf Nach­hal­tig­keit hofft. Vie­le spü­ren die Unzu­läng­lich­keit etwa der punk­tu­el­len Ehe­vor­be­rei­tung und der Trau­er­be­glei­tung. Neben den Gemein­den sind unse­re Schu­len, die Kin­der­ta­ges­stät­ten und der Reli­gi­ons­un­ter­richt wich­ti­ge Fel­der der Glau­bens­wei­ter­ga­be. In der Urge­mein­de in Jeru­sa­lem gelingt es offen­bar, den Glau­ben gemein­sam so zu leben, zu fei­ern und nach außen hin zu bezeu­gen, dass er wirk­lich anste­ckend wird. Sicher gibt es in kei­nem der genann­ten Fel­der ein­fa­che Patent­lö­sun­gen. Mit metho­di­schen Ver­än­de­run­gen allein ist nie­man­dem gehol­fen. Im letz­ten wird der Glau­be von Men­schen wei­ter­ge­ge­ben, die selbst erfüllt und begeis­tert sind. Dabei geht es nicht dar­um, ande­re nur zu beleh­ren. Selbst­ver­ständ­lich haben wir ein inhalt­lich gefüll­tes Glau­bens­be­kennt­nis. Die Aus­sa­gen müs­sen wir aber zunächst für uns selbst mit Leben und geist­li­cher Erfah­rung zu fül­len ver­su­chen. Das ist ein lebens­lan­ges Suchen und Gehen. Es ist unser Anlie­gen, mit ande­ren Men­schen auf Glau­bens­we­ge zu gehen, ihre Fra­gen wahr­zu­neh­men, selbst sprach­fä­hig zu wer­den „über die Hoff­nung, die uns erfüllt“ (vgl. 1 Petr 3,15), die eige­nen und frem­den Zwei­fel anzu­neh­men, und auch von ande­ren zu ler­nen.

Der frü­he­re Aache­ner Bischof Klaus Hem­mer­le hat die­se Anlie­gen so aus­ge­drückt: „Lass mich dich ler­nen, dein Den­ken und Spre­chen, dein Fra­gen und Dasein, damit ich dar­an die Bot­schaft neu ler­nen kann, die ich dir zu über­lie­fern habe.“1 

Wenn es so vie­le Wege zu Gott gibt, wie es Men­schen gibt2 , müs­sen unse­re Bemü­hun­gen, For­men des Glau­ben­tei­lens zu ent­wi­ckeln, sicher noch krea­ti­ver, viel­fäl­ti­ger und muti­ger wer­den. Die Logik, dass dies auto­ma­tisch von Genera­ti­on zu Genera­ti­on geht, ist längst hin­fäl­lig. Glau­ben tei­len bedeu­tet, die Sen­dung, also die „Mis­si­on“ neu schät­zen zu ler­nen, die sich jedoch nur in Begeg­nung und Bezie­hung ver­wirk­li­chen kann. Papst Fran­zis­kus fragt immer wie­der unse­re kirch­li­chen Ange­bo­te an, gera­de auch die tra­di­tio­nell schein­bar sta­bi­len Gemein­den, wel­chen mis­sio­na­ri­schen Impuls sie aus­sen­den. Auf dem pas­to­ra­len Weg dür­fen wir gera­de die­ser Fra­ge nicht aus­wei­chen.

3. Ressourcen teilen

Die wich­tigs­ten Res­sour­cen unse­rer Kir­che sind die Sakra­men­te, das Wort Got­tes, die Glau­bens­be­kennt­nis­se und –erfah­run­gen der Tra­di­ti­on sowie die vie­len Men­schen und ihre Gemein­schaft. Ich wie­der­ho­le mich, wenn ich dies an den Anfang die­ses Abschnit­tes stel­le, damit die­se Grund­la­ge im Fol­gen­den nicht ver­ges­sen wird. Alle wei­te­ren Res­sour­cen wie Geld, Gebäu­de und Per­so­nal die­nen der Ver­wirk­li­chung des kirch­li­chen Auf­trags und den der Kir­che anver­trau­ten Men­schen. Des­halb sind die mate­ri­el­len Güter wich­tig. Sie sind Instru­men­te, aber kei­nes­falls der Inhalt kirch­li­cher Anstren­gun­gen. Die Erfah­rung zeigt, dass sich in die­sen Berei­chen am wahr­schein­lichs­ten Kon­flik­te auf dem wei­te­ren pas­to­ra­len Weg auf­tun. Ich bit­te alle, nicht zu ver­ges­sen, dass die mate­ri­el­len und per­so­nel­len Fra­gen nur dann sinn­voll beant­wor­tet wer­den, wenn sie aus einer geist­li­chen Hal­tung her­aus dis­ku­tiert wer­den, gege­be­nen­falls auch über sie gestrit­ten wird. Zunächst beschreibt die Apos­tel­ge­schich­te zwar die per­fek­te Güter­ge­mein­schaft. Jeder bekommt, was er braucht. Das funk­tio­niert des­we­gen, weil nie­mand an sei­nem ange­stamm­ten Besitz fest­klam­mert. Bereits im fünf­ten Kapi­tel der Apos­tel­ge­schich­te (5,1–11) wird aber von einem Ehe­paar, Hana­ni­as und Saphi­ra, berich­tet, die ihr Haus ver­kau­fen, dann jedoch heim­lich einen Teil des Erlö­ses für sich behal­ten. Die Fol­gen sind furcht­bar: Bei­de fal­len, vom Apos­tel Petrus mit ihrer Schuld kon­fron­tiert, auf der Stel­le wie vom Blitz getrof­fen tot um. Ich möch­te die­se Geschich­te so deu­ten, dass in der Erfah­rung des Evan­ge­lis­ten Lukas Hab­gier in jeder Form, die Ver­wei­ge­rung des Tei­lens der Res­sour­cen, den Tod der Gemein­de bedeu­ten und das Ende des kirch­li­chen Auf­trags ein­läu­ten. So hart sieht es das Neue Tes­ta­ment.

Und es wird sicher Gele­gen­hei­ten geben, bei denen wir uns an ähn­lich deut­li­che Wor­te Jesu wer­den erin­nern müs­sen. Res­sour­cen tei­len wird eine stän­di­ge Her­aus­for­de­rung blei­ben. Wenn wir auf­ge­ru­fen wer­den, Res­sour­cen zu tei­len, beinhal­tet das, jede Form der Besitz­stand­wah­rung kri­tisch zu befra­gen und bereit zu sein, Gewohn­hei­ten zu ver­än­dern.

4. Verantwortung teilen

Ver­ant­wor­tung tei­len bedeu­tet, dass wir neu die Wür­de der Tau­fe sehen ler­nen. In jedem und jeder Getauf­ten lebt Chris­tus in die­ser Welt, alle haben teil an sei­nem pries­ter­li­chen, könig­li­chen und pro­phe­ti­schen Amt. Inso­fern hat jede und jeder Getauf­te das Recht und die Pflicht, Ver­ant­wor­tung für und in der Kir­che zu über­neh­men – aber in der Nach­fol­ge Jesu als Dienst, nicht als Herr­schaft über ande­re. Das gilt für Kle­ri­ker und für jeden ande­ren gläu­bi­gen Men­schen in der Kir­che. Im Ver­lauf des pas­to­ra­len Weges wer­den sich gewiss ange­stamm­te Berufs­bil­der bei Pfar­rern, Pries­tern, Dia­ko­nen, Gemein­de- und Pas­to­ral­re­fe­ren­tin­nen und -refe­ren­ten ver­än­dern. Ver­ant­wor­tung tei­len bedeu­tet, dass sich zunächst unse­re haupt­amt­li­chen Seel­sor­ge­rin­nen und Seel­sor­ger auf einen gemein­sa­men Weg machen, zu leben, wie man gemein­sam Ver­ant­wor­tung tra­gen kann in der Kir­che für die Ver­wirk­li­chung des Rei­ches Got­tes.

Dabei sind sie mehr als nur Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen. Sie ste­hen in der gemein­sa­men Sen­dung Jesu in unter­schied­li­chen Rol­len und Dienst­be­schrei­bun­gen.
Zu den Diens­ten gehö­ren auch unse­re Reli­gi­ons­leh­re­rin­nen und Reli­gi­ons­leh­rer, Erzie­he­rin­nen und Erzie­her, die Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter der Cari­tas, die Pfarr­se­kre­tä­rin­nen und Pfarr­se­kre­tä­re. Auch die Ordens­leu­te in unse­rem Bis­tum brin­gen ihren unver­zicht­ba­ren Dienst ein, sowie vie­le ande­re.
Ich bin davon über­zeugt, dass viel Gutes bewirkt wer­den kann, wenn sich alle in ihrer Viel­falt in die­sem gemein­sa­men Dienst ver­ste­hen und sich berei­chern durch die unter­schied­li­chen Bega­bun­gen und Auf­trä­ge. Sicher wer­den sich auch For­men her­aus­bil­den, in denen Lei­tungs­auf­ga­ben nicht nur vom Pfar­rer aus­ge­übt wer­den. Ande­re Diö­ze­sen machen in die­sen Gebie­ten ihre Erfah­run­gen.
Auch das Mit­ein­an­der von Haupt- und Ehren­amt wün­sche ich mir als ein viel­fäl­ti­ges und wert­schät­zen­des Leben des gemein­sa­men Auf­trags. Ich weiß, dass vie­le Ehren­amt­li­che an Gren­zen kom­men, des­we­gen ist es nicht damit getan, nach For­men zu suchen, in denen Ehren­amt­li­che ein­fach deckungs­gleich in die Lei­tungs­rol­le eines Pries­ters oder eines ande­ren hin­ein­kom­men. Hier [in die­sem Fas­ten­hir­ten­brief] ist nicht der Ort für kon­kre­te Aus­fal­tun­gen.

Ich lade zunächst an die­ser Stel­le ein, eben­falls die Grund­hal­tun­gen [zur The­ma­tik der Ver­ant­wor­tung] auf ein geist­li­ches Fun­da­ment zu stel­len.

Gelingt es uns, die Viel­falt und die Unter­schied­lich­keit in Ein­mü­tig­keit zu leben, weil wir wis­sen und täg­lich leben, dass Chris­tus in unse­rer Mit­te ist und wir in sei­nem Dienst ste­hen? Ver­ant­wor­tung zu tei­len ist ein gutes Mit­tel gegen jede Form von ego­zen­tri­scher Macht­aus­übung in der Kir­che.

Leben, Glau­ben, Res­sour­cen und Ver­ant­wor­tung tei­len, so lau­tet die Ein­la­dung für den pas­to­ra­len Weg im Bis­tum Mainz, so lau­tet die Ein­la­dung, dies als per­sön­li­chen Impuls in die kom­men­den Wochen zu neh­men.

Ich lade die unter­schied­li­chen Grup­pen und Gemein­den ein, die­se The­men für das eige­ne Leben zu kon­kre­ti­sie­ren und noch detail­lier­ter zu ent­fal­ten.

Für unse­ren gemein­sa­men Weg gebe uns Gott sei­nen Segen.
Es seg­ne euch alle der all­mäch­ti­ge Gott, der Vater und der Sohn und der Hei­li­ge Geist.

+ Peter Kohl­graf Bischof von Mainz
Mainz, am 1. Fas­ten­sonn­tag 2019

1 Zitiert aus: Katho­li­sche Arbeits­stel­le für mis­sio­na­ri­sche Pas­to­ral, “Lass mich dich ler­nen…”. Mis­si­on als Grund­wort kirch­li­cher Erneue­rung = Kamp kom­pakt 4, Erfurt 2017, 4
2 Vgl. Joseph Kar­di­nal Ratz­in­ger, Salz der Erde. Chris­ten­tum und katho­li­sche Kir­che; Ein Gespräch mit Peter See­wald, Stutt­gart 1996, 8

Hin­weis:
Der Hir­ten­brief zur Öster­li­chen Buß­zeit von Bischof Kohl­graf erscheint in die­sem Jahr auch in eng­li­scher, fran­zö­si­scher, ita­lie­ni­scher, kroa­ti­scher, pol­ni­scher, por­tu­gie­si­scher und spa­ni­scher Spra­che. Die Über­set­zun­gen in die­se Spra­chen sowie Ver­sio­nen in Leich­ter Spra­che und in Deut­scher Gebär­den­spra­che ste­hen Ihnen zur Ver­fü­gung unter
https://bistummainz.de/fastenhirtenbrief-2019
Den Über­set­ze­rin­nen und Über­set­zern ein herz­li­ches Dan­ke­schön für ihre Arbeit!